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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Konstellation als Ereignis

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Konstellation als Ereignis

Louis Defèche

Die 25. Rudolf-Steiner-Forschungstage fanden vom 24. bis 26. Februar in der Goetheanum-Dokumentation statt. Sie waren ein «konstellatives Ereignis». Ihre Zukunft ist offen.

Ort und Zeit formen mit an dem, was gedacht wird und wie. Sie prägen die Art der menschlichen Begegnung, und was sich der so gewendeten Aufmerksamkeit zeigt, ist etwas Eigentümliches. Wie lässt sich das beschreiben?

Zum 25. Jubiläum der Rudolf-Steiner-Forschungstage macht sich wenig von der anfänglichen vorandrängenden Dynamik bemerkbar, die diese Treffen einst auszeichnete. Die Teilnehmer haben sich verändert, es sind kaum noch ‹Gründungsmitglieder› dabei. Doch viele neue Teilnehmer, denen am Fortbestand liegt, stellten am Ende die Frage: Geht es weiter – und wenn ja, wie?

Beginnen tun die diesmal von Philip Kovce und Johannes Nilo organisierten Forschungstage mit einem Vortrag Alexander Schaumanns zur Menschenbetrachtung. Wie man anhand der genauen Betrachtung des Stehens, Gehens und Blickens eines Menschen viel über den Menschen lernt, erläuterte Schaumann anhand der Werk-entstehung Giacomettis. Dieser Beitrag ist zugleich Auftakt eines mehrtägigen Seminars zur Menschenbetrachtung, die Forschungstage waren hier sozusagen zu Gast.

Ihren geschlossenen Anfang nehmen sie am nächsten Morgen, in der Goetheanum-Dokumentation. Genauer gesagt, in einem Zwischen-Raum: der Bühnenbeladezone des Großen Saals, mit Frühstück. Ein Vortrag Helene Schaefermeyers zur Wahrheitsfrage in der Philosophie Heinrich Barths eröffnet daraufhin die Diskussion. Wahrheit in der Lebensführung sei eine Frage der Erkenntnis und damit eine Existenzfrage, es bedürfe einer Fähigkeit zur Wahrheit, zu ihrem Erkennen, so legt es Heinrich Barth nahe. Iris Hennigfeld spricht über Franz Brentanos Philosophie im Zusammenhang mit Steiner und Husserl. In einem weiteren Vortrag spricht der Architekturhistoriker Henrik Hilbig zur Frage, welchen Beitrag Archive zu unserem Wahrheitsverständnis leisten.

Neu war das Format der Zeugenschaft: Zu jedem Vortrag wurden zwei Zeugen geladen, die die Aufgabe hatten, die Vorträge auf selbstgestaltete Weise zu bezeugen. Der krankheitsbedingte Ausfall des letzten Referenten führte zu einer spannenden Konstellation: Anstelle des Vortrags lesen die Zeugen Passagen aus den Texten Steiners und Husserls, die der Referent besprechen wollte. Durch diesen Bruch entsteht ein gemeinsames Denken und ein Betrachten der Denkbewegung dieser beiden Philosophen. Der Bruch schafft Raum für ein zündendes Gespräch.

Die Forschungstage sind nicht nur ein Zusammenkommen von Menschen zu gemeinsamen Fragen, sondern auch ein «konstellatives Ereignis». Leise, am Rande der Vorträge und danach, entstehen feine Verbindungen und Bezüge. Die Forschungstage sind ein Raum der Begegnung, ein Ort, beinahe herausgenommen aus der Zeit, der Neues realisiert. Mit Heinrich Barth gesprochen, sind sie «die gelungene Aktualisierung der Existenz», des Vorhandenseins nämlich eines Dritten, das alle Teilnehmer verbindet. Die kommenden 26. Forschungstage werden wohl erstmals in Grossbritannien abgehalten. Kommendes www.steinerforschungstage.net/ Foto Johannes Nilo