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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

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«Ein Ort, wo Zukunft gedacht und ausprobiert wird»

Louis Defèche

Im September 2014 trat Frode Barkved als Generalsekretär zurück. Bereits seit April 2016 – also nach einer Übergangszeit – ist Ingrid Reistad Kontaktperson für die Anthroposophische Gesellschaft in Norwegen. Sie ist Eurythmistin, Kindergärtnerin und Dozentin an der Hochschule für Waldorfpädagogik in Oslo.

Sebastian Jüngel: Die Norweger haben den höchsten Lebensstandard der Welt – noch vor der Schweiz. Stimmen Sie dieser Einschätzung des Wachstums- und Entwicklungsberichts des Weltwirtschaftsforums zu?

Ingrid Reistad: Ja, was den materiellen Standard betrifft, liegt Norwegen bestimmt ganz weit oben. Das macht das Leben in Norwegen in mancher Hinsicht sehr bequem und einfach. Aber der Wohlstand hat auch Schattenseiten. Eine ist, dass man leicht vor lauter Wohlergehen etwas ‹schläfrig› wird. Das Mitgefühl und das Verständnis für Personen und Völker, die ganz andere Lebenssituationen haben, werden meines Erachtens geschwächt, weil sie von der eigenen Realität zu weit weg sind. Zweitens erzeugt eine Gesellschaft mit hohen Lebensstandards auch hohe Erwartungen. Viele Jugend­liche in Norwegen müssen sich mit Erfolgs- und Perfektionsdruck auseinandersetzen. Das ist nicht immer leicht.

Leben am Rande von Europa

Jüngel: Wie nehmen Sie aktuell das Lebens­gefühl in Norwegen wahr?

Reistad: Schon Hans Magnus Enzensberger hat in seinem Buch ‹Ach Europa› geschrieben: Norwegen sei ein Anachronismus. Einerseits haben wir den materiellen Wohlstand mit sozialer und privater Sicherheit. Der Alltag wird mit Handy und Apps verwaltet. Banking, Fahrkarten, Einkaufen und Kommunikation – alles wird mit dem Smartphone gemacht.
Andererseits gibt es den Traum von authentischen Naturerlebnissen, einfachem Leben und dazugehörigen Traditionen. Beides hängt aber schon lange nicht mehr zusammen. Ich sage oft: In Norwegen leben wir am Rande von Europa. Wir sind mit der ganzen Welt vernetzt, bekommen alles mit, leben aber in einer Art Wohlstands­vakuum, in dem alte Traditionen nicht mehr tragfähig sind und schwierige Weltgeschehnisse leicht beiseitegeschoben werden können. In dieser Diskrepanz zu leben ist für den Einzelnen spannungsreich. Es gibt aber auch durchaus viele positive Initiativen von jungen und älteren Menschen, gera­de was das Umweltbewusstsein und die Teilungsökonomie betrifft. Es ist aber schwer, in einem Land Aktionist zu sein, wo alles «ach, so gut» ist.

Zweite Amtssprache: Neunorwegisch

Jüngel: Norwegische Literatur prägt das kulturelle Leben auch außerhalb des Landes: Henrik Ibsen gehört zu den Klassikern auf den Spielplänen, die Autobiografie von Karl Ove Knausgård wurde zu einem Bestseller. Wie ist die Beziehung der Nor­weger/innen zur Sprache?

Reistad: Die Norweger lesen gern. Es werden nach wie vor in Norwegen viele Bücher geschrieben, vor allem Krimis. Dazu haben wir eine Vielzahl an Dialekten und leisten uns deshalb eine zweite Amtssprache, die Schriftsprache Neunorwegisch. Das Neu­norwegische macht es möglich, Dialekte als lebendige Gebrauchssprache auch im öffentlichen Leben zu erhalten. Dazu kommt, dass die meisten Norweger Englisch gut beherrschen und wegen der Sprachverwandtschaft in Skandinavien auch Dänisch und Schwedisch verstanden werden. Gerade weil Norwegisch keine Weltsprache ist, ist es notwendig, min­destens eine Fremdsprache zu beherrschen, um den eigenen Sprachraum zu erweitern.

Jüngel: Was ist aus dem norwegischen Geistesleben zu wenig bekannt?
Reistad: Vieles. Aber was nicht auf Englisch formuliert wird, kommt selten über den skandinavischen Raum hinaus. Wir haben zum Beispiel einige sehr gute Dichter in Norwegen. Einer meiner Lieblingsdichter ist Hans Børli. Er vermochte in seiner
Dichtung, feinsinnige Naturbeobachtungen mit seelisch-geistigen Erlebnissen zu verschmelzen. Gerade dieses feine Verflechten von Natur und Mensch findet man bei vielen norwegischen Dichtern.

Wir haben auch sehr gute Komiker in Norwegen. Sie können durchaus als Teil des Geistes­lebens verstanden werden. Ihre Beobach­tungs­gabe und ihre scharfsinnigen Analysen gesellschaftlicher und mensch­licher Zustände sind sehr präzis. Manchmal sind ja Komiker und Kabarettis­ten die Einzigen, die die Wahrheit aussprechen können.

Keine Autoritätsgläubigkeit

Jüngel: Und worin sehen Sie den spirituellen Beitrag Norwegens für die Welt?
Reistad: Eines wäre, was die Dichter uns vorgemacht haben: das Seelisch-Geistige des Menschen im Zusammenwirken der Natur, also das Geistige in der Natur durch Miterleben und Mitfühlen zu entdecken und somit das eigene Selbst als Geist zu finden. Wir Norweger haben aber mindestens noch eine Eigenart: Wir halten nicht viel von Autoritäten. Wir lassen uns ungern sagen, was zu tun ist – negativ ausgedrückt tendiert es vielleicht zu einer gewissen Sturheit und Selbstgefälligkeit. Aber gemischt mit Wohlstand und einem Nichtgebundensein an überholte Traditionen könnte diese Eigenschaft eine wunderbare Grundlage für freie Initiative und Taten sein.

Jüngel: Welche Rolle spielt dabei die Anthroposophische Gesellschaft in Norwegen?

Reistad: Die Anthroposophie ist ja nicht unbekannt in der Öffentlichkeit – dank früherer und jetziger Autoren. In literarischen und zunehmend in akademischen Kreisen wird sie verbalisiert und zeitweise heftig debattiert. Die Anthroposophische Gesellschaft an sich ist dabei nicht so bekannt. Ich hoffe aber, dass wir uns in Zukunft stärker zeigen, und glaube, dass gerade unsere Liebe zur Selbstbestimmung Freiräume für neue Ideen und neue Handlungen in der Anthroposophischen Gesellschaft ermöglichen wird.

Jüngel: Wie fit ist die Anthroposophische Gesellschaft in Norwegen für ihre Aufgaben?

Reistad: Wir bemühen uns! Und es ist wichtig, hervorzuheben, dass Einzelmenschen in der Anthroposophischen Gesellschaft über lange Zeit viel für die anthroposophische Arbeit leisten.
Neue Methoden zur Pflege des spirtuellen Lebens.

Jüngel: Wie wollen Sie die ‹Fitness› der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen erhöhen?

Reistad: Wir möchten unsere Präsenz in der Öffentlichkeit behalten und stärken. Wir möchten auch die bestehende gute Zusammenarbeit in unserer eigenen Or­ganisation weiterentwickeln. Es ist aber höchste Zeit, neue Methoden und Formen zur Pflege des spirituellen Lebens zu entwickeln. Persönlich habe ich den inneren Wunsch, dass seelisch-geistige Übungen genauso normal und selbstverständlich werden, wie ich um mein körperliches Wohlbefinden bemüht bin. Dazu braucht es unter anderem, dass die Kluft, die manche noch zwischen geistigem Leben und Alltags­leben erleben, überbrückt wird. Zum Beispiel, indem wir geistig noch genauer und im Leben noch konkreter mit der Anthroposophie arbeiten. Das wäre bestimmt eine freudige und spannende Arbeit.

Jüngel: Was soll die Anthroposophische Gesellschaft in Norwegen in den nächsten Jahren sein?

Reistad: Träumen darf man ja! Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft ein Ort wird, wo man Seelisch-Geistiges durch eigenes Tun erleben und erfahren kann, sei es durch Kunst oder durch Meditation. Ein Ort, wo studiert, geforscht und diskutiert wird. Wo Zukunft gedacht und ausprobiert wird – durch regen Austausch mit jedem, der eine geis­tige Dimension im Leben haben möchte.

Jüngel: Wie ist die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft in Norwegen auf­gestellt? Welche Forschungen finden in ihrem Zusammenhang statt?

Reistad: In Norwegen sind folgende Sektionen aktiv:
–    Allgemeine Anthroposophische Sektion,
–    Pädagogische Sektion,
–    Sektion für Redende und Musizierende Künste,
–    Sektion für Sozialwissenschaften und Medizinische Sektion, in der die Sektion für Landwirtschaft enthalten ist. Direkte Forschungsprojekte der jeweiligen Sektionen finden derzeit nicht statt. Doch werden verschiedene Themen vertieft, und einzelne Mitglieder der Pädagogischen Sektion sind in anderen Forschungsprojekten engagiert.

Neuübersetzung der Klassenstunden

Im Herbst 2016 erschien eine weitere Auflage der Texte der 19 Klassenstunden auf Norwegisch und wurde den Hochschulmitgliedern angeboten – eine wich­tige Arbeit, die sehr willkommen war.
Die Sprache der norwegischen Übersetzung ist sehr gut und ermöglicht ein
genaues Studium in der eigenen Sprache.

Einige Hochschulmitglieder haben den Wunsch geäußert, dass diese Texte vielleicht auch den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft, die noch nicht Mitglieder der Hochschule sind, zur Verfügung gestellt werden. Das ist ein Thema, das noch weiter besprochen werden muss und das wohl auch eine weitere Bearbeitung der Texte in ihrer jetzigen Form voraussetzt.

Jüngel: Einige Ihrer Kolleginnen und Kol­legen haben etwas Persönliches von sich erzählt, was andere von ihnen womöglich nicht wissen. Was wäre dies bei Ih-nen?

Reistad: Ich äußere mich ja aus Überzeugung gern persönlich, daher gibt es nicht viel, was nicht bekannt ist. Aber dass ich seit vielen Jahre meditativ arbeite – vor allem mit Eurythmie und Naturbeobachtungen –, ist weniger bekannt.