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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

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Wirkung der Anthroposophie zeigt sich erst zukünftig

Louis Defèche

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Niels Henrik Nielsen wurde 1964 in Dänemark geboren. Nach anderthalb Jahren in Camp­hill/Schottland wurde er Cellist an der Musikhochschule und spielte viele Jahre in Orchestern und als Kammermusiker. Er ist mit einer Pianistin verheiratet und Vater zweier Töchter (15 und 18). Zurzeit ist er Waldorflehrer und in der Lehrerausbildung tätig.

Sebastian Jüngel: Wenn Sie auf Reisen sind: Woran erkennen Sie einen Dänen, eine Dänin?
Niels Henrik Nielsen: An der oft sehr informellen Kleidung und der – vielleicht manchmal zu – zwanglosen Art, sich zu benehmen.

Jüngel: Was vermissen Sie auf Reisen von Dänemark?

Nielsen: Ich fühle mich immer sehr wohl im Ausland. Als ich Kind war und wir
von Reisen nach Dänemark wieder zurückkamen, war ich immer sehr traurig. Ich habe aber mit der Zeit ‹entdeckt›, dass Däne­mark eine wunderschöne und sehr idyllische Natur hat. Und die Nordseeküste ist etwas Einzigartiges. Die Elemente machen hier miteinander eine große und schöne Musik. Das vermisse ich oft. Natürlich vermisse ich auch meine Familie, Freunde und Kollegen. Was ich aber am allermeisten sehr stark vermisse, ist unser Brot, besonders unser Schwarzbrot.

Beziehung Dänemark und Deutschland

Jüngel: Dänemark und (Nord-)Deutschland leben eine besondere Beziehung, die sich heute in der gegenseitigen Anerkennung der jeweiligen Bevölkerung als nationaler Minderheit mit besonderen Rechten zeigt. Was macht die beiden Völker, die sich kriegerisch bekämpft haben, sich aber auch kulturell unterstützt haben, so durchlässig füreinander?

Nielsen: Es ist schon ein besonderes Zusammenleben zwischen der dänischen Minderheit in Norddeutschland und umgekehrt. Die Beziehung zwischen Dänemark und Deutschland im Allgemeinen ist wohl doch eher kompliziert. Meine Mutter ist aus Deutschland und kam 1963 nach Dänemark. Ich habe das Verhältnis zwischen dänischer und deutscher Kultur intensiv miterlebt (mein Vater ist Däne): Dänemark war lange kulturell und ökonomisch von Deutschland abhängig, und viele Dänen bewundern Deutschland, sie haben aber auch ein Minderwertigkeitsgefühl. Gleichzeitig hat aber besonders der Zweite Weltkrieg und die Besetzung Dänemarks eine tiefe Verunsicherung gegenüber allem Deutschen erzeugt. Es war nicht immer ganz leicht für meine Mutter, in Dänemark zu leben. Glücklicherweise hat sich in den letzten 25 Jahren sehr viel ausgeglichen. Heute haben wir jeden Sommer eine friedliche und freundschaftliche ‹Besetzung› durch die vielen deutschen Touristen.

Jüngel: Wie viel Wikingersein steckt noch heute in Dänemark?  

Nielsen: Heute gibt es eigentlich nur ein Zerrbild vom Wikingersein: ein furchtloser, wilder, ‹Mjöd› (Met) trinkender Krieger, der alles erobert. Heute spielen die Individua­lisierung und die Globalisierung eine große Rolle, und wie überall zerbrechen die alten Formen. In dieser Aufbruchszeit kann man manchmal eine gewisse Wikinger-Nostalgie wahrnehmen – eine Sehnsucht nach einer glorreichen Vergangenheit, auf die man sehr stolz ist.
Wir Dänen sind ja lange ein friedliches, offenes und tolerantes Volk gewesen. Im
Augenblick ändert sich aber vieles. Es entsteht eine Polarisierung. Es gibt einen deutlich intoleranteren Ton in den Medien, man grenzt sich ab und verurteilt schneller.

Weniger ein Streben als ein Treiben

Jüngel: Wohin strebt Dänemark?
Nielsen: Wohin Dänemark jetzt strebt, ist schwierig zu sagen. Ich denke, dass wir mit denselben Problemen wie die anderen europäischen Länder kämpfen. Vielleicht sollten wir in der gegenwärtigen Lage nicht von einem Streben, sondern von einem Treiben reden.
Jüngel: Worin äußert sich die Spiritualität Dänemarks?

Nielsen: Wieder eine schwierige Frage. Rudolf Steiner hat darüber gesprochen, dass wir in Dänemark die Aufgabe haben, das Ich in der Verstandes- und Gemütsseele auszubilden – und damit haben wir zu kämpfen, besonders wenn es um Spiritu­alität geht. Entweder wird das Geistige sehr abstrakt und trocken dargestellt oder als Gegenreaktion das spirituelle Gefühlserlebnis (New Age) betont. Der sehr bekannte hellsichtige Geistesforscher Martinus hat seine ‹Lehre› sehr systematisch mit Tafeln und Symbolen dargestellt. Die Anthroposophie spricht aber sehr die Bewusstseinsseele an – wir sind schon ein bisschen herausgefordert.
Ich denke, dass der Philosoph Søren Kierkegaard und der Märchendichter Hans Christian Andersen die beiden herausragendsten Repräsentanten der dänischen Verstandes- und Gemütsseele sind.

Jüngel: Welche Rolle spielt dabei die Anthroposophie beziehungsweise die Anthroposophische Gesellschaft?

Nielsen: Keine besonders große, jedenfalls nicht im öffentlichen Leben. Aber ich bin überzeugt, dass die anthroposophische Arbeit doch eine Wirkung hat, die sich erst in der Zukunft zeigen wird.

Schulgelder zu 75 Prozent vom Staat

Jüngel: Kommt der relativ hohe Anteil an Privatschulen in Dänemark der Waldorf­bewegung zugute?

Nielsen: Ja und nein. Es gibt eine Tradition für Privatschulen in Dänemark. Sie ist auch gesetzlich reguliert und lässt den Schulen viel Freiheit. Der Staat bezahlt ungefähr 75 Prozent der Schulgelder. Deshalb können wir noch verhältnismäßig ungestört arbeiten. Auf der anderen Seite gibt es ‹Konkurrenz› zu den Waldorfschulen. Ob das gut oder schlecht ist, ist nicht so klar. Ich denke, dass die Waldorfschulen dadurch ein bisschen weniger sichtbar sind. Hier gibt es aber natürlich verschiedene Meinungen.

Jüngel: Wie sehen Sie sich als General­sekretär: als Verwalter, Manager, Arzt, Seelsorger …?
Nielsen: Ich bin ‹nur› Generalsekretär. Troels Ussing ist noch Vorsitzender. In ers­ter Linie sehe ich meine Aufgabe als Vermittler zwischen ‹Dornach›, den anderen Ländern und Dänemark. Ich sehe aber auch eine Aufgabe darin, wahrzunehmen, wie die dänische anthroposophische Arbeit mit der Arbeit in der Welt zusammenklingt. Es wird wohl einige Jahre dauern, sich
einzuleben. Das Kennenlernen der anderen Generalsekretäre und der Vorstandsmitglieder hat mich sehr positiv gestimmt.

Jüngel: Hilft Ihnen dabei Ihr Musikersein?

Nielsen: Ja, das glaube ich schon. Die Musik ist unter anderem auch ein Zukunftsbild für das soziale Leben. Ich bin jetzt als Musiker nur sehr begrenzt tätig. Früher habe ich viel Kammermusik gespielt. Das Leben mit den großen klassischen Musikwerken hat mir vielleicht ein Gefühl dafür gegeben, wie soziale Formen und Zeit­prozesse sein könnten – aber es sind ja doch erst einmal ‹Idealzustände›. Wie es in dieser Hinsicht mit mir im konkreten Leben steht, sollten vielleicht andere sagen.

Die Hochschule

Jüngel: Was sind charakteristische Forschungsarbeiten der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dänemark?

Nielsen: Die Hochschule war viele Jahre identisch mit den Klassenstunden. Das ändert sich aber langsam. Es gibt eine aktive Sektionsarbeit, für die man sich regel­mäßig trifft und sich über verschiedene Fragen austauscht. Eine eigentliche geistige Forschungsarbeit findet meines Erachtens nicht statt. Es gibt aber natürlich Menschen, die sehr kompetent mit verschiedenen Fragen leben und forschen. Der dänische Forscher Jens-Otto Andersen hat mit seiner Forschung über Steigbilder internationale Anerkennung bekommen.

Jüngel: Welche Aufgaben stehen hier an?

Nielsen: Erstens überhaupt einen genuinen Zusammenhang zwischen Hochschule, sogenannten Lebens- oder Praxisfeldern und Gesellschaft herzustellen. Dann die Menschen zu finden, die wissenschaftlich forschen können und wollen. Wir untersuchen im Augenblick in unserem Vorstand und im Kollegium der Lektoren, was denn überhaupt geistige Forschung ist.
Vielleicht sollten wir die Forschungsfrage, über die viel gesprochen wird, nicht zu eng nehmen. Die Aufgaben der Hochschule liegen auch im Künstlerischen und im Allgemein-Menschlichen, die den spirituellen Bedürfnissen aller Menschen und Arbeitsbereichen entgegenkommen. Es ist sehr wichtig, sich akademisch-wissenschaftlich zu orientieren. Wenn es aber zu einseitig wird, wenn eine gewisse Anpassung stattfindet, dann sehe ich darin eine große Gefahr.

Jüngel: Zum Schluss – Hand aufs Herz: Womit haben Sie als Kind gespielt – mit Lego?
Nielsen: Nein – mit Playmobil.