Dreigliederung zwischen Klang und Wort

Dreigliederung zwischen Klang und Wort

Eine Wort-Klang-Collage von Annette Rappmann und Viz Michael Kremietz.


Sich von substanziellen Gedanken und harmonischen Klängen ins Reich der vollkommenen Freiheit entführen lassen, um Energie für morgen zu tanken. Freiheit in der Kultur, Gleichheit im Recht und Geschwisterlichkeit in der Wirtschaft. Es gibt viel zu tun. Meine Empfehlung, um die geistige Batterie zu füllen: bei nächster Gelegenheit, zwischen Wachen und Träumen – oder auch umgekehrt –, auf der Sonnenliege die CD anhören. Kein Widerspruch mitten im Sommer: faulenzen und schwitzen, Rotwein mit Freunden, Salat von morgens bis abends – wenn man nicht gerade fremdbestimmt arbeitet. Der Soundtrack passend zum Lebensgefühl: Tango, Chill-out-Lounge, Jazz. Ars Vivendi. Dem Mainstream in Politik und Gesellschaft nichts abgewinnen können, Feste unbedingt feiern, wie sie fallen und sich vorwiegend durch Kraftvergeudung ernähren.

Innerlicherseits wesen und wirken Gedankenfiguren beim Hören der Collage, die nichts weniger als den Weltengeist in Bewegung zu versetzen suchen. Die großen Theorien, -ismen und andere Kunstwerke von Riesen wie Rudolf Steiner, Laotse, Joseph Beuys und sehr vielen weiteren, auf deren Schultern sitzend in fernere Fernen blickend. Es drängt zur Tat – und zum Nachhören.

Realisiert wurde das Projekt von Annette Rappmann und Viz Michael Kremietz: «Ohne die Rose tun wir’s nicht.»

Annette Rappmann ist Mitglied des Vereins Soziale Skulptur und Mitinitiatorin des Symposiums ‹100 Jahre Dreigliederung› in Achberg. 2018 entstand die Idee, zum Fest etwas aus der Schatzgrube des Achberger Beuys-Archivs von Rainer Rappmann hervorzuholen. Eine chirurgische Entnahme der Wortbeiträge ist gelungen. Textlich finden sich immer griffige Denkfiguren rund um die Soziale Dreigliederung, nie zu viel davon. Als Zuhörerin wünscht man sich stets mehr – zum Beispiel Beuys: «… warum wir hier auf der Erde sind, das ist die Kreativität, wo wir schon mal von Geist reden …»

Viz Kremietz ist Komponist und Instrumentalist. Seit 2003 spielt er die japanische Zenflöte Shakuhachi. In Zusammenarbeit mit Tablaspieler und Perkussionist Jörg Holik und anderen ist Musik entstanden. Es schweben, murmeln, zaudern, schnurren, tröpfeln, säuseln, läuten Töne, Klänge und Sounds. Sie schmiegen sich stimmungsvoll ausgewogen, formgebend und freilassend ganz gleichberechtigt um die Stimmen argumentierender Redner – heutige Stimmen und die in einem Echo widerhallenden von Rainer Rappmann, Johannes Stüttgen, Peter Schilinski und anderen – sowie um singende Waldorfschüler.

Zugegeben, der Titel ‹100 Jahre Soziale Dreigliederung – Eine Wort-Klang-Collage› ist etwas sperrig geraten, doch spürt man beim Hören der CD, wie viel Poesie, Liebe und Arbeit in dieses Projekt geflossen ist, und so ist das Werk aus meiner Sicht durchaus eingelungenes Geschenk an eine Jahrhundertidee geworden.


Viz Michael Kremietz / Annette Rappmann, 100 Jahre Dreigliederung – Eine Wort-Klang-Collage, Achberg 2019, www.fiu-verlag.com

Titelbild: Achberg Fest

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