‹Der neue Kain›, der das Werden selbst ergreift

‹Der neue Kain›, der das Werden selbst ergreift

Ein Kommentar zum Buch ‹Der neue Kain› von Thomas Meyer. Bereits im Titel wird ein alter, aber zentraler Aspekt der menschlichen Wirklichkeit angesprochen. In einer Lesart der Geschichte von Kain und Abel aus dem alten Testament, 1.Buch Moses, Genesis 4,1-16, können die Brüder für zwei Aspekte jeder menschlichen Natur stehen.


Denn praktisch jeder Mensch erlebt, wie er zwei Seiten in sich hat, die miteinander streiten, wobei in der Regel die eine der anderen das Leben nimmt. Einerseits könnten wir unsere guten Vorsätze nehmen und andererseits unsere alten Gewohnheiten. Wie oft erleben wir, dass die alten Gewohnheiten die neuen Vorsätze regelrecht umbringen, zum Verschwinden bringen, ihnen das Leben nehmen. Dann wäre Abel der Repräsentant unserer neuen Vorsätze, unserer guten Ideen für uns selbst und die Welt. Er findet sie einfach in sich oder in der Welt. Sie sind wie die Natur: gottgegeben. Daher schaut Gott symbolisch auch wohlwollend auf diese Vorsätze. Sie entsprechen der höheren Moral, dem mehr an der Ewigkeit Orientierten im Menschen. Kain entsprechen demgemäß mehr die mit der Zeit erworbenen Gewohnheiten. Sie sind keineswegs alle schlecht, oft auch, zumindest eine Zeit lang, sinnvoll. Die Früchte dieser erworbenen Kräfte sind aber nicht zukunftstauglich, sondern fallen tendenziell aus der höheren Ordnung heraus. Sie sind durchaus menschlich, aber eben auch allzu menschlich. Der Konflikt zwischen Kain und Abel ist ein Bild für Aspekte in der Grundstruktur der menschlichen Lebensstruktur.

Jeder Mensch erlebt, wie er zwei Seiten in sich hat, die miteinander streiten, wobei in der Regel die eine der anderen das Leben nimmt.

Wenn nun von einem ‹neuen Kain› die Rede sein soll, dann geht es um einen Kain, der immer noch ein weltlicher Mensch ist und in der Welt nach einem eigenen Leben strebt, das er selber mindestens mitgestaltet, und der auch in der Lage ist, im Einklang mit den ‹Abel-Kräften› zu leben. Er kennt die Muße und ist in der Lage, neue Impulse aufzunehmen und zu integrieren. Er wird nicht mehr zwingend der Abel-Seite in sich das Leben nehmen. Er wird zu einem ‹neuen Kain›, der selber nicht bloß aus Gewohnheiten gebildet ist, sondern an sich selber fortlaufend bildend arbeitet. Er wird ein Kain sein, der sich dem Werden nicht nur nicht in den Weg stellt, sondern das Werden selbst aktiv ergreift und es zu einer neuen Gewohnheit macht. Diese neue Gewohnheit wird auch darin bestehen, alte Gewohnheiten stets aufs Neue zu überwinden.

Thomas Meyer, Herausgeber und Kommentator der Texte in diesem gehaltvollen Buch, sieht in Rudolf Steiner diesen ‹neuen Kain› verwirklicht. Für ihn ist Steiners Leben ein Vorbild des stetigen Werdens und der fortlaufenden Arbeit an sich selbst. Zudem ist für Thomas Meyer dieser Kainsmythos verbunden mit einer esoterischen Strömung, die mit der Tempellegende zusammenhängt und ‹Maurerei› ist. Das Buch dokumentiert auch rituelle, performative Arbeiten, die Rudolf Steiner für die Erkenntnis- und Entwicklungsarbeit fortgeschrittener Schüler entwickelt hat. Die Ritualtexte basieren auf den editorischen Arbeiten von Hella Wiesberger und den Veröffentlichungen vor allem in GA 265. Auch wenn es problematisch ist, Texte unvorbereitet einfach zu lesen, die für das Erleben in einem geschlossenen Kreis vertrauter Menschen verfasst worden sind, so erhellt sich doch, dass es neben der logischen und meditativen Erkenntnisarbeit noch eine dritte Form gibt, die zu berücksichtigen sich lohnen könnte.

 
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In der aktuellen soziologischen Forschung zu Ritualen wird zum Beispiel von Kristiane Hasselmann darauf aufmerksam gemacht, dass Rituale nicht nur verbindend wirken, sondern auch dem Einüben von Haltungen und Einstellungen dienen. Das Wesen der Erfahrung, die soziale Verbindlichkeit des Ritualgeschehens und der eigenen Mitwirkung ermöglichen eine aktivere Aneignung von Erkenntnisformen, die auch das Handeln ergreifen sollen.

Braucht es für das Erschaffen des ‹neuen Kain› das Ritual oder – wie Rudolf Steiner es für die 2. Klasse der Hochschule am Goetheanum in Aussicht gestellt hatte – die erkenntniskultische Arbeit? Das Buch von Thomas Meyer beantwortet diese Frage nicht direkt. Es entsteht aber durchaus der Eindruck, dass es tatsächlich so sein könnte, dass die anthroposophische Bewegung zur Entfaltung ihrer vollen Kraft diese Dimension der Erkenntnisarbeit und Arbeit an sich selbst für die Zukunft brauchen wird.


Der neue Kain, eine Textsammlung, herausgegeben von Thomas Meyer, Basel (2/2016)

Titelbild: Illustration aus dem Niederländische Bibel. Author: Paul Gustave Doré, Quelle: Wikimedia commons

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