Von der Idee zur Tat

Von der Idee zur Tat

Anlässlich des 100. Geburtstages der Dreigliederung lud der Verein Soziale Skulptur Ende April nach Achberg zu einem Fest und Symposium ein. Die Aussichten für die nächsten 100 Jahre waren blütenreich. Eine Vielfalt weltweiter Initiativen ermutigte dazu, nicht auf eine große Umsetzung der Dreigliederung zu hoffen, sondern sich im Kleinen zusammenzufinden und ins Tun zu gelangen.


Vor 100 Jahren folgten Menschen den fein gemalten Kreidestrichen des Vordenkers und Künstlers Rudolf Steiner, der die drei Eckpfeiler der Aufklärung in direkte Beziehung zu drei Lebensbereichen setzte: zu Wirtschaft, Kultur und Recht. In den Jahren nach 1919 scheiterte Steiners intensives Eintreten für die Realisierung seines gesellschaftspolitischen Entwurfs trotz anfänglich beachtlicher Erfolge bei einzelnen Unternehmern und großen Kreisen der Arbeiterschaft am massiven Unverständnis seitens bürgerlicher Kreise sowie sozialistisch-marxistischer Gruppierungen, zumindest was die Umsetzung im großen Maßstab betraf. So beschrieb es Albert Schmelzer von der Alanus-Hochschule in seinem Eröffnungsvortrag.

Geistesleben heute

Das Geistesleben tritt heute als Zivilgesellschaft mit erstaunlicher Energie und Kreativität als ‹weltweiter Player› in Erscheinung. Im Rahmen der Waldorfpädagogik manifestiert sich dies zum Beispiel in der Existenz von derzeit über 1000 Waldorfschulen und rund 2000 Waldorfkindergärten weltweit. Teilweise werden neue Wege beschritten, wie der Beitrag von Tobias Hartkemeyer zeigte, der auf seinem biodynamisch betriebenen und an Prinzipien der solidarischen Landwirtschaft orientierten Bauernhof Pente (in Bramsche, Niedersachsen) einen Waldorfkindergarten und eine Waldorfschule gegründet hat. Aber auch die 40 000 Montessori-Schulen weltweit oder die libertären Freien Schulen, die auf Ideen der Escuela Moderna des Anarchisten Francisco Ferrer (1859–1909) fußen, und die weltweit ca. 60 Sudbury Schools, die auf der Summerhill-Schule von Alexander S. Neill (1883–1973) aufbauen, wollen Erziehung zur Freiheit.

 
Plenum mit 300 Gästen

Plenum mit 300 Gästen

 

Zivilgesellschaft heute

Es gibt Bürgerinitiativen, die sich vernetzen, um nachhaltige und ökologisch vertretbare Formen der Gärtnerei und Landwirtschaft voranzutreiben. Der Workshop zur Permakultur und biodynamischen Landwirtschaft von Simon Neitzel war sehr eindrucksvoll. Er hat 2011 mit anderen das Netzwerk Wir und Jetzt mitbegründet. Wir und Jetzt versucht, in Schulen, Unternehmen und bei kulturellen Veranstaltungen im Raum Bodensee ein Bewusstsein für die Notwendigkeit eines ökologisch nachhaltigen Umgangs mit der Natur zu wecken bzw. zu vertiefen. Verwandte Bestrebungen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene gibt es viele, zum Beispiel die ngo Arche Noah in Österreich, die seit der Gründung 1989 auf 14 000 Mitglieder angewachsen ist und Sortenvielfalt sowie dezentrale und ökologische Landwirtschaft fördert. International ist beispielsweise Terra Madre mittlerweile ein Netzwerk von mehr als 2000 Food Communities weltweit.

Rechtsleben heute

Die Vorträge und Statements von Gründungsmitgliedern der Grünen in Deutschland, Wolf-Dieter Hasenclever, Gerald Häfner, Anna Deparnay-Grunenberg und anderen waren sehr aufschlussreich. Insbesondere das grüne Eintreten für ein bedingungsloses Grundeinkommen scheint geeignet, die menschliche Arbeit von ihrem Status als Ware zu befreien.

Als ‹Skulpteur unserer selbst› und des sozialen Ganzen sind wir – mehr oder weniger bewusst – Akteure gesellschaftlicher Transformation.
— Rainer Rappmann, Homepage Soziale Skulptur

Die Forderung nach neuen Formen der Demokratie wird interessanterweise verstärkt von Jugendlichen erhoben. Mitglieder des Vereins Demokratische Stimme der Jugend stellten ihre demokratiepolitischen Vorschläge und mittlerweile preisgekrönten Kunstaktionen vor. Am bekanntesten sind wohl die von Schülern und Schülerinnen organisierten international stattfindenden Demonstrationen Friday for future. Weltweit bekannt ist auch die junge pakistanische Aktivistin Malala Yousafzai, die sich für die Bildung aller Kinder, insbesondere der Mädchen, engagiert.

Wirtschaftsleben heute

Die von Michael Bader vorgestellte Kunstaktion Wärmeblock V geht auf die Idee eines iranischen Kollektivs von Rosenproduzierenden zurück, die das Abfallprodukt Rosenmaische in Form von Ziegeln trocknen und als Brennstoff nutzen. Die Kunstaktion hat einige Tausend dieser Ziegel nach Europa gebracht, wo sie durch Färbung und Auftragen von Blattgold veredelt wurden. In Achberg wurden 500 dieser Rosenziegel ausgestellt und verkauft. So wurde iranisches Rosenstroh zu Euro-Spendengold gesponnen.

 
Prof. Hasenclever

Prof. Hasenclever

 

Anthroposophische Non-Profit-Banken haben sich mit anderen ethischen Banken zu einem weltweiten Netzwerk zusammengeschlossen: The Global Alliance for Banking with Values (2017: 46 Mitglieder). Von Gerhard Schuster wurde eine Europäische Kreditinitiative vorgestellt, die in der EU Wege eröffnen will, assoziatives Wirtschaften durch gesetzliche Änderungen für alle Unternehmen möglich zu machen. Verwandte Ziele verfolgt auch die Gemeinwohlwirtschaft, die von Christian Felber in seinem Vortrag vorgestellt wurde. Felber zeigte an Beispielen, dass eine kooperativ und ökologisch orientierte Wirtschaft nicht nur möglich, sondern durch entsprechende Bankinitiativen inzwischen auch in der ökonomischen und politischen Praxis angekommen ist. Manfred Mayer wiederum berichtete von der Regionalwährung Hallertauer, die soziales und ökologisches Wirtschaften in der Region Pfaffenhofen an der Ilm (bei München) fördert.

Die Konvergenz zahlreicher anthroposophischer und nicht anthroposophischer Initiativen auf dem Weg zur Realisierung der Dreigliederung wurde in Achberg in exemplarischer Vielfalt vorgestellt und vorgelebt. Dies machte das Symposium zu einem beglückenden Erlebnis, auch durch das Bild, das von Hildegard Kurt in ihrem Vortrag und Workshop entwickelt wurde, nämlich dass für Menschen mehr möglich ist als nur das mühevolle Absichern der Existenz, so wie eine Rose mehr ist als nur ihre Stängel und Blätter. Möge also die soziale Dreigliederung in den nächsten 100 Jahren zur Blüte gelangen!


Coverbild: Workshop Permakultur

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Die Dreigliederungs­bewegung ist nicht gescheitert

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