Das Zerbrechen des Spiegels

Das Zerbrechen des Spiegels

Wenn man sich darüber ärgert, dass man sich über eine Theateraufführung geärgert hat, dann kann diese Aufführung so schlecht nicht gewesen sein. Eine Rezension zu ‹Chroniken von Dornach›.


Mich jedenfalls hat diese Szene empört: Marie Steiner sagt zu Rudolf Steiner, auf seinem Schoß sitzend, ihn an den Ohren kraulend: «Rudi, nun sei mal nicht so eng, wir brauchen doch das Geld.» Sie meint den Betrag, der nach (betrügerischer) Brandstiftung von der Versicherung zu zahlen sei. Aber der Reihe nach: Eine junge Erzählerin im leuchtend grünen Kostüm schildert, wie sie sich in Solothurn die Unterlagen über die Katastrophe des Brandes des Ersten Goetheanum geben lässt und erfährt, dass da schon so manche Anfrage von Anthroposophen vorausgegangen ist. Gemäß diesen Unterlagen wird der Hergang aufgerollt und die Erzählerin vermerkt, dass sie den buckligen Uhrmacher Ott, dessen verbrannte Knochen angeblich gefunden wurden, rehabilitieren will. Nun berichten verschiedene Augenzeugen über den Brandhergang. Ein Spiegel zerbricht (Titel!), übrigens in der Umkleidekabine einer Eurythmistin im alten Bau, weil er wegen des Lochs, das zum Feuerlegen in das Holz geschlagen wird, vom Nagel rutscht. Der Spiegel muss zwischen 18 und 19 Uhr am Boden zu Bruch gegangen sein. Daraus schließt man auf den Zeitpunkt der Brandstiftung. Jetzt werden wir Zuschauer zur Wand gedrängt: Alle aufstehen, an die Wand, hinsetzen. Nun seien wir die Geschworenen, die über die Wahrheit zu befinden hätten. «Was die Wahrheit ist, das sage ich euch jetzt», so die Erzählerin. – Ganz schön naiv, denke ich. Neben Rudolf Steiner und dem Polizeibeamten Meister tritt auch Pfarrer Kully auf (alle in Grau). Kully – so richtig persifliert – schimpft als populistischer Demagoge gegen die «Steiner-Jünger auf dem Tempel». Dumm nur, dass auch Steiner nicht wirklich verschont bleibt. Der verbrannte Ott wird immer unschuldiger, die Anthroposophenschaft immer schuldiger – und ich immer ärgerlicher. Gegen Schluss die eingangs erwähnte Szene. Mir reicht es! Es folgt noch eine kleine Szene, in der die Erzählerin Ott in der Unterwelt bittet, Opfer zu sein. Beim Applaus klatsche ich einen lautlosen Anstandsbeifall (für die gute schauspielerische Leistung), Anthroposophen vor mir klatschen ‹lautstark› nicht, aber keiner pfeift oder macht anderweitig seinem Missmut Luft. Ganz im Gegenteil, es wird geklatscht! Und nicht zu wenig. Und das in Dornach! Erst am nächsten Morgen entdecke ich, dass ich dem Zerbrechen eines (Bewusstseins-)Spiegels beigewohnt habe: Aus dem Vorsatz der Erzählerin – «Ich will Ott rehabilitieren» – wurde im Verlaufe des Abends eine zunehmend abstruser werdende Verschwörertheorie: Alles wird so angeordnet, dass ihr Ziel als allein selig machend erreicht werden kann, koste es, was es wolle. Lediglich die letzte Szene – «Lieber Ott, sei bitte Opfer!» (damit meine Rehabilitierung berechtigt ist) – zeigt, dass das eigentliche Thema das Zerbrechen dieses Spiegels ist, mit allen entsetzlichen Folgen (außer Ott werden alle verhöhnt). Ein solches Bewusstsein brennt einfach durch! Aber wegen meiner durch Ärger verzögerten ‹langen Leitung› verstehe ich auch, warum andere Dichter ihre Geschichten lieber ins Altertum versetzten.


Idee, Inszenierung und Bühne Jonas Darvas, Text: Michelle Steinbeck, Musik: Jan Sutter; mit Ilja Baumeier, Meret

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