Ein meteorologisches Tagebuch der Seele

Ein meteorologisches Tagebuch der Seele

Zuchrift zu ‹Auf Beziehung gegründet› von ­Renatus ­Derbidge (‹Goetheanum› 11/2019).


Auf das Genre des ‹Nature Writing› aufmerksam zu machen, ist die verdienstvolle Absicht von Renatus Derbidge. Das Schreiben über die Natur (und aus ihrem Erleben heraus) ist nicht immer mit großer Literatur verbunden, allzu oft gleiten Texte dieser Gattung ins Trivial-Romantische ab. Auch der Artikel listet einige weniger geglückte Beispiele auf. Umso mehr verwundert es, dass Bücher, die Derbidge im Text ausdrücklich als «richtig ärgerliche Fehlgriffe» brandmarkt, dann doch in der Liste seiner Literaturempfehlungen auftauchen (wir wollen mit unserer Lesezeit doch ökonomisch umgehen). Ein Buch, das meiner Ansicht nach einen (wenn nicht ‹den›) Spitzenplatz in einer solchen Aufzählung einnehmen sollte, fehlt leider. Es ist Annie Dillards herausragender Roman ‹Pilger am Tinker Creek› aus dem Jahr 1974, der in der erwähnten Reihe ‹Naturkunden› bei Matthes und Seitz erschienen ist und früher unter dem etwas unglücklichen Titel ‹Der freie Fall der Spottdrossel› bei Klett-Cotta verlegt worden war. (Jetzt: Annie Dillard: Pilger am Tinker Creek, Berlin 2016) Es handelt sich um sehr persönlich gehaltene philosophische Naturbetrachtungen in großartiger Sprache, die Annie Dillard während eines Jahres abseits der Zivilisation verfasst hat. Ein außerordentliches literarisches Kunstwerk, welches sie (auch) explizit in der Nachfolge von Thoreau geschrieben hat: «Ich habe mir vorgenommen, ‹ein meteorologisches Tagebuch der Seele› zu führen, wie Thoreau es nennt.» Als das Buch erschien, war die Autorin gerade 28 Jahre alt. Sie erhielt für diesen ihren ersten Roman Amerikas bedeutendsten Literaturpreis, den Pulitzerpreis (1975). Dieses Buch ist bereits jetzt (wie Thoreaus ‹Walden›) einer der ganz großen Klassiker des Nature Writings.

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