Ein rigoroser Umgang mit Goethes Geist

Ein rigoroser Umgang mit Goethes Geist

Eine erste Rezension des Buchs von Renatus Ziegler ‹Geist und Buchstabe›.


Von Anthroposophen wurde Steiner von Anfang an als Goethe-Kenner verehrt, in der Öffentlichkeit war das Thema kontrovers. Der Goethe-Forscher Max Semper sprach im November 1921 in der ‹Cölnischen Zeitung› ein vernichtendes Urteil aus. Ebenso die Physikerin Gabriele Rabel, Schülerin von Einstein und Max Planck. Sie brachte am 14. September 1924 in der ‹Neuen Zürcher Zeitung› einen Totalverriss über Steiner und sah in seiner Herausgeberschaft bloß «elementare Unordnung» und «anarchistischen Kram».

Anders Werner Heisenberg und Adolf Portmann. Sie verehrten Goethe im Sinne Rudolf Steiners, der als Erster dessen Unvergleichbarkeit mit den sogenannten exakten Naturwissenschaften herausgearbeitet und Goethe zu einer Ausnahmefigur mit Vorbildcharakter gemacht hat. Im Sinne Steiners fassten sie Goethe als Gegenposition zu einem rein materialistischen Denken auf und sprachen dem Dichter in seinem Umgang mit Naturphänomenen genau jene Bedeutung zu, die vor ihnen schon Steiner herausgearbeitet hatte. Auch Carl Friedrich von Weizsäcker anerkannte Goethe als Mahninstanz, als ästhetische Alternative zum Machbarkeitswahn vieler moderner Naturwissenschaftler. Steiners Ansatz ist, wie diese Namen zeigen, inzwischen von namhaften Naturwissenschaftlern rehabilitiert.

Nun ist eine brillante Studie über dieses Thema erschienen. Renatus Ziegler geht chronologisch und genealogisch vor und zeigt, wie sich Steiner im Goethe-Nachlass durch eine erschlagende Fülle von Zetteln, Aphorismen, Reisenotizen und fragmentarischen Textteilen hindurchgearbeitet und diesen Kosmos von an die Grenze des Unaussprechlichen tastenden Gedanken Goethes editionsfähig gemacht hat – eine fast unlösbare Aufgabe, der sich der junge Steiner mit Leidenschaft und Umsicht stellte.

Ziegler rekonstruiert Steiners Engagement für die von Joseph Kürschner herausgegebene Reihe ‹Deutsche National-Litteratur› und dann vor allem für die ‹Weimarer Ausgabe›. Er zeichnet nach, wie Steiner als Systematiker mit eigener Weltanschauung unter die buchstabentreuen Philologen der Weimarer Goethe-Ausgabe geraten ist und wie die Spannung, unter welcher beide Seiten während Jahren unsäglich litten, letztendlich zu einem erweiterten Goethe-Bild geführt hat. Dabei untersucht der Autor die Rolle, die Karl Julius Schröer und die Großherzogin Sophie von Sachsen, Gründerin des Goethe-Archivs und Initiatorin der großen Weimarer Goethe-Ausgabe, bei Steiners Ernennung zum Mitarbeiter spielten. Auch die vielschichtige Beziehung zwischen Steiner und Bernhard Suphan, dem Direktor des Goethe-Schiller-Archivs, wird akribisch rekonstruiert.

Durch Renatus Zieglers Buch, das mit einem umfangreichen Anhang, einem Personenregister und Abbildungen wichtiger Dokumente ausgestattet ist, entsteht ein vollsaftiges Bild des Naturforschers Goethe. Dies ist eine ebenso große Leistung wie die andere: Ziegler gelingt es, Steiners Vorgehen so darzustellen, das dessen Wille, bei Goethe überall Zusammenhänge herauszuarbeiten, deutlich erfahrbar wird. Steiners Not in Weimar, wie er sie im Buch ‹Mein Lebensgang› beschrieben hat, spricht bei Ziegler durch die Darstellung entsprechender Briefe, es sind erschütternde Zeitzeugen in Papier, derer Kommentierung sich der Autor in souveräner Weise enthält.

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Für seine Darstellung bedient sich Ziegler der neuesten Ausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, der Leopoldina-Ausgabe. Auf dem Hintergrund dieses vermutlich unüberholbaren Standardwerks vermag er bei Steiner zu editionsgeschichtlichen Fragen vorzustoßen, die zeigen, dass dieser der philologischen Detailarbeit, wie sie die ‹Weimarer Ausgabe› forderte, nicht überall gewachsen war. Mängel, wie sie schon Max Semper und Gabriele Rabel in ihren Kritiken brandmarkten, werden von Ziegler ernst genommen, doch sein Buch kommt zu anderen, positiven Resultaten. Der Autor entfaltet, was der Titel seines Buchs verspricht: Er macht uns mit der Größe Rudolf Steiners als Herausgeber vertraut, der die Buchstabenfuchserei dem Werk Goethes gegenüber im Rahmen halten und durch einen rigorosen Umgang mit dem Geist, der in ihm weht, ausgleichen konnte.

Nach der Lektüre dieses Buchs, das Laien genauso wie Experten ansprechen kann, kennen die Lesenden die feinen Unterschiede zwischen den verschiedenen Goethe-Ausgaben, die Steiner in Wien und Weimar besorgt hat, und er vermag etwas von der Einmaligkeit Goethes zu erfassen und ebenso von der Bedeutung, die dieser für das Werk Rudolf Steiners hatte.

Gleichzeitig mit ‹Geist und Buchstabe› und wie in synergetischer Ergänzung ist von Renatus Ziegler, zusammen mit David Marc Hoffmann, Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs, der Band 1f der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe erschienen. Darin geht es um Titeleien, Inhaltsverzeichnisse und Einleitungstexte zu den Lesarten, die Steiner für die Weimarer Goethe-Ausgabe geliefert hat.


Renatus Ziegler, Geist und Buchstabe. Rudolf Steiner als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Rudolf-Steiner- Verlag, Dornach 2018.

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Zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft unterscheiden

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