Nah ist der Abschied mir

Nah ist der Abschied mir

Mit Manfred Krüger (23.2.1938–24.2.2019) haben die Schönen Wissenschaften einen ihrer edlen Vertreter verloren. Seine sprachlichen Erkenntnisfrüchte bleiben uns und der langen Verdauung erhalten. Von 1984–1996 zeichnete er gemeinsam mit Martin Barkhoff für die Redaktion der Wochenschrift ‹Das Goethe­anum› verantwortlich.


Manfred Krüger, ein freier Geist, nahm mit 19/20 Jahren die Spur von Rudolf Steiner und Novalis auf. Das Goetheanum lernte Krüger von ganz unten bis in die obersten Etagen kennen. Er hatte als Raumpfleger bei Waldemar Kumm mit Bodenputzen angefangen. Tagsüber und abends Besuch der ‹Mysteriendramen›. Anschließend Putzdienst. Geschlafen wurde im lärmigen Heizhaus. Es klingt geradezu nach einer Zen-Unterweisung. Später wurde er Mitredaktor der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› und stand wiederholt in der Leitung der Sektion für Schöne Wissenschaften. Die jährliche Pfingsttagung am Goetheanum (das Pfingstfest), ein Lieblingskind von ihm und seiner Frau, nahmen sie ihm bald und grundlos aus der Hand. Eine der Ungerechtigkeiten, die er in seinem Leben erfahren musste und die er nicht verstehen konnte.

In der Wochenschrift-Zeit war Krüger für uns ein Außerirdischer, mit dem wir meist nur telefonisch in Kontakt standen. Dafür gabs vier verschiedene Leitungen: Krüger Büro Nürnberg (Rudolf-Steiner-Haus), Ottersberg (Fachhochschule für Kunsttherapie und Kunst, heute Hochschule für Künste im Sozialen), Schreibtisch, Wohnzimmer (Familienzentrum von Christine Krüger und den sieben Kindern). Damit war der Radius seines Reichs abgesteckt. Und mit den beiden Büsten von Novalis und Lessing in seiner Bibliothek markierte er eine mögliche Prosahorizontlinie vom poetischen Bild über das Denkbild des Aphorismus bis zur scharf konturierten, kompakten Darlegung. Krüger hat sein Arbeitszimmer und seine Bibliothek erst für immer verlassen, als er seine lange gereiften und gründlich gearbeiteten Werke zum Frühchristentum abgeschlossen und in zwei angesehenen wissenschaftlichen Verlagen, dem Olms-Verlag und dem S.-Roderer-Verlag, publiziert hatte. Was Krüger über sich als jungen Menschen erzählte, das galt auch für den erwachsenen: «Meine Liebe zu den Büchern war unersättlich. Die Weisheit der Menschheitsgeschichte saugte ich förmlich in mich hinein.»

Wenn die Gespräche in der direkten Begegnung stattfanden und etwas zu beschließen war, dann konnte sein Kollege Martin Barkhoff im Redaktionsbüro zusehen, in Ruhe beobachten, denn Krüger ließ sich Zeit: «Er machte den Mund breit und drückte die Lippen aufeinander und nach außen. Dabei schlossen sich fast die Augen, als wollten die Lider wie die Lippen sich spüren im Gegeneinanderdrängen. So unterstützte er sein Ahnen, das Kommen der inneren Bilder, Worte, Winke.»

Krüger kam nicht aus Nürnberg, er ist dort gelandet. Als Kind mit seiner Familie aus Hinterpommern von der Meeresnähe vertrieben, kam er über die Kaspar-Hauser-Stadt Ansbach, über Heidelberg, Tübingen und Erlangen nach einem Studium der Germanistik, der Romanistik (wegen des Klangs des Französischen) und der Philosophie in diese Stadt von Dürer, Veit Stoß und dem Germanischen Museum. Es ist auch die Stadt, wo der anthroposophische Pionier Carl Unger erschossen wurde und nach dem Krieg die Nürnberger Prozesse gegen die Nazi-Verbrecher geführt wurden. In diese Stadt mit ihren Mauern und dicken Türmen passte er vorzüglich, wenigstens in der Wahrnehmung von Martin Barkhoff: «Nürnberg, die alte Kaiserstadt, steht auch in der anthroposophischen Landschaft wie eine feste Burg, eine sichere Festung – dank ihres Kastellans.» Ich erweitere noch: Krüger als Turm und Türmer.

Nimm diese Zweige, decke mit ihnen mich,

Nach Ostern singe dann das erhabne Lied,

Bis auf die Sonne geht und zündet

Und mir die Thore der Urwelt öffnet.
— Aus ‹Der sterbende Genius› von Novalis (wie auch der Titel)

Nürnberg ist auch Staedtler, einer der ältesten Hersteller von Schreibgeräten in Deutschland und europaweit größter Hersteller von Blei-, Farb- und allen möglichen anderen Stiften und Faserschreibern. Krüger, der Philosoph (er zählte sich zu den Platonikern), Schriftsteller, Dichter, Übersetzer des französischen Dichters Nerval, kam ins Land, in die Stadt der Bleistifttürme und an die Quelle der Schreibgeräte. An dieser Quelle saß auch Clara Kreutzer. Dank ihr und ihrem Mann Rudolf Kreutzer fanden Krüger, die Philosophie, die Schönen Wissenschaften, die anthroposophische Forschung, das Seminar für Geistesforschung, die Waldorfschule, die Eurythmieschule und das anthroposophische Zentrum in Nürnberg eine segensreiche Förderung und ein finanzielles Auskommen. In Krügers eigenen Worten: «Mit Marie Steiner und Albert Steffen teilte Clara Kreutzer die Auffassung, dass der Verkündigungscharakter in der anthroposophischen Arbeit zugunsten einer erkenntniswissenschaftlichen Forschungsarbeit überwunden werden müsse.» Das entsprach auch Krügers Professionalität und gab der Zusammenarbeit und Freundschaft mit Clara Kreutzer das Fundament des wechselseitigen Verständnisses. Nürnberg war auch Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem Maler und Hochschuldozenten Gerhard Wendland. Krüger liebte die Betrachtung von Kunstwerken und das Nachdenken darüber. In einem Gespräch in Nürnberg meinte er einmal, dass inzwischen jedes Land das zu ihm stimmende Selbstbildnis Dürers besitze: das Selbstbildnis des 22-Jährigen mit Distel (Frankreich), das Selbstbildnis mit Mütze modisch gekleidet und mit Landschaftsausschnitt (Spanien), das Selbstbildnis im Pelzrock und in Christusähnlichkeit (Deutschland).

Dem wissenschaftlichen Austausch mit dem älteren Gerhard Kienle und vor allem Diether Lauenstein verdankte er viel, zwei Mitbegründer der Universität Witten/Herdecke. Von den jüngeren verstand er sich wohl mit dem Mittelalter-Kenner Wolf-Ulrich Klünker besonders gut. Wissenschaft, Kunst, Religion – das könnte eine Kurzformel für Krügers Lebenswerk sein. In seiner letzten Werkphase widmete sich Krüger in mehreren Büchern dem Neuen Testament. Seine besondere Hinwendung gehörte Paulus als erstem christlichem Denker und Begründer der christlichen Esoterik mit der Liebe als Erkenntnisprinzip. Er beginnt dieses lange gereifte Buch mit Dürers Blick auf Paulus, geht weiter entlang von klassischen Gemälden und Zeichnungen und seinen eigenen Kunstbetrachtungen. Auf weiteren 200 Seiten wird eine Auswahl der Paulusbriefe in seiner Übersetzung und mit seinen Kommentaren dargeboten, mit zahlreichen Verweisen u. a. auf Steiner, Origenes, Diether Lauenstein.

Nach der Elementeauffassung der Alten lag Krügers Wirkausrichtung beim Erdigen, trocken und kühl, was die kurze literarische Form, den Aphorismus, den lakonischen Stil und einen entsprechend trockenen Humor begünstigt und im Gegenzug Pathos, Gefühlsschwelgerei, Schwärmerei nicht aufkommen lässt. Das erdige Element gab ihm Beharrlichkeit und langen Atem gerade auch für seine Bücher über Paulus und Origines. Seine kompakten, oft einfachen Sätze und vor allem die verdichtenden, zeitraffenden Satzfolgen sind die ausgeformten Früchte eines zähen innerlichen Marathonläufers, Schritt für Schritt, Sprung um Sprung unterwegs, zu den Quellen des christlichen Abendlandes. Anstrengung, Kraftaufwand und lange Zeitreise sind danach seinen Sätzen und ihm selbst kaum anzumerken. Sie lesen sich oft so unscheinbar, dass ein Erstleser misstrauisch werden könnte, ob es wirklich so klar und einfach oder ob der Autor nur grad schnell mal um den Block gegangen ist. Krügers Trick besteht darin, dass er zwar die ganze Strecke abgelaufen ist, aber höchstens jeden dreißigsten Sprung aufschreibt und davon noch mal zehn Prozent unterschlägt. Dadurch gewinnt er Tempo, auch auf langen Strecken. Er hatte keinen Sinn für die unsäglich sich ausbreitende Sitte in der anthroposophischen Publizistik, gehaltene Reden einfach schriftlich wiederzugeben. Da verfuhr er viel ökonomischer und zu sprachimmanent.

Liebend gerne hätte ich in seinen Lebens­erinnerungen und natürlich in seiner Sprache, und nur so, weitergelesen, wie er sie zuletzt gerade noch in der Zeitschrift ‹Anthroposophie› publizierte, die er während Jahrzehnten als Mitredaktor begleitete. Manfred Krüger hatte mit Christine Krüger 60 Jahre lang eine unermüdliche Mitarbeiterin und Mitstreiterin, eine wunderbare Frau und Muse an seiner Seite. Das wird sie auch weiterhin bleiben.

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