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Zum Thema: Gibt es anthroposophische Kunst?

Ein Beitrag zur Diskussion über die anthroposophische Kunst, die schon im ‹Goetheanum› Nr. 47/2018 (Schwerpunkt von Stephan Stockmar) und Nr. 1–2/2019 (Leserzuschriften und Antwort von Stephan Stockmar) behandelt wurde.


So lautete die Frage. In dieser Form gestellt, ist sie einfach zu beantworten: Ja, es gibt sie, zweifellos. Denn der Künstler Rudolf Steiner hatte sein eigenes Kunstschaffen vor gut hundert Jahren so bezeichnet. Es handelt sich um eine nachprüfbare historische Tatsache. Wer käme ernsthaft auf die Idee, zu fragen, ob es futuristische Kunst gibt? Es handelt sich auch hier um das historische Faktum, dass der Künstler Filippo T. Marinetti sein Kunstschaffen als futuristische Kunst bezeichnete. Und ebenso, wie sich an Marinetti andere Künstler anschlossen und ihr Kunstschaffen als futuristische Kunst bezeichneten, schlossen sich an Steiner andere Künstler an, die ihr Kunstschaffen als anthroposophische Kunst bezeichneten: zu Lebzeiten Rudolf Steiners die Künstlergruppe Aenigma (ab 1918) (1) – später jene der Gesellschaft für anthroposophische Art und Kunst am Goetheanum (1930er-Jahre), Erstere noch autorisiert von Rudolf Steiner, Letztere von Marie Steiner.

Wo also ist das Problem?

Diejenigen, die wie Stefan Stockmar den Begriff ablehnen, argumentieren nicht historisch, nicht kunstwissenschaftlich; sie blenden den avantgardistischen Aspekt des Begriffs zu Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg aus; sie zitieren aus der hundertjährigen Begriffsgeschichte lediglich die problematisierenden ‹Stimmen›(2) anthroposophischer Kunstkreise, die seit den 1980er-Jahren zunehmend lauter wurden; sie kritisieren Tendenzen innerhalb der anthroposophischen Kunstszene als dogmatisch, sektiererisch, als epigonal und stilistisch der Vergangenheit verhaftet – weil sie keine ‹Abgrenzung› gegenüber sonstiger zeitgenössischer Kunst sehen wollen und weil sie sich für eine offene, universell-anthroposophische Haltung engagieren. Das Problem dabei ist, dass sie Gefahr laufen, selbst dogmatisch zu werden, selbst einer überholten postmodernen Ideologie verhaftet zu sein, die universell-anthroposophische Deutungshoheit beansprucht und andere (Künstler wie Kunstwissenschaftler) als rückständig aburteilt. Ich kenne und verstehe die ablehnenden Argumente gut. Während meines Kunststudiums studierte ich die Schriften Diether Rudloffs (des wohl einflussreichsten Kritikers des Begriffs), ich besuchte seine Seminare und ihn selbst in der Nähe von Barcelona; ich war in der Studentengruppe, die Joseph Beuys an unsere Hochschule einlud; der erweiterte Kunstbegriff ist mir vertraut. Noch vertrauter ist mir das Zweite Goetheanum, ich kenne und studiere den Bau schon lange, auch die Literatur darüber; in jungen Jahren habe ich ihn begeistert gezeichnet, später habe ich über Rudolf Steiners Design kunstwissenschaftlich promoviert und über das Dornach-Design publiziert. Nun scheint allerdings Stefan Stockmar in der Wochenschrift ‹Goetheanum› (Nr. 1–2, 2019, S. 19) auch mich jenen zuzurechnen, welche seiner Ansicht nach die ‹Radikalmetamorphose› vom Ersten zum Zweiten Goetheanum nicht mitvollziehen können.

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Ich würde niemals imstande sein, in monotoner Weise diesen Bau noch einmal zu bauen; und einen dritten würde ich wieder anders bauen …

In seiner ‹Antwort des Autors› auf Leserzuschriften behauptet Stefan Stockmar, «dass der Begriff ‹anthroposophische Kunst› vor allen Dingen an den Kunstimpuls des Ersten Goetheanum anknüpft, an dessen architektonischen, plastischen und malerischen Gestaltungen. Die ‹Radikalmetamorphose› bis in den inneren Aspekt hinein, die Rudolf Steiner zum Zweiten Goetheanum geleistet hat, wird oft nicht mitvollzogen, weder aufseiten der Künstler noch aufseiten der anthroposophischen Kunstwissenschaftler.»(3) Wie gesagt, mit dem Begriff anthroposophische Kunst bezeichnete Rudolf Steiner sein gesamtes Kunstschaffen, alle seine Kunstwerke, folglich sowohl das Erste wie das Zweite Goetheanum; insofern macht die behauptete «Anknüpfung» des Begriffs «vor allen Dingen» an das Erste Goetheanum keinerlei Sinn. Die anschließende Behauptung, andere «Künstler und anthroposophische Kunstwissenschaftler» wären «oft» nicht in der Lage, die Metamorphose vom Ersten zum Zweiten Goetheanum nachzuvollziehen, ist anmaßend. Meint Stockmar, dass Künstler und Kunstwissenschaftler, die sich auf Rudolf Steiners eigene Begrifflichkeit beziehen, den so offensichtlichen Neugriff des zweiten Baus ‹intellektuell› nicht nachvollziehen könnten, oder wie sonst soll diese abschätzige Beurteilung zu verstehen sein? – Und: Wen von uns Künstlern und Kunstwissenschaftlern meint er damit? Immerhin werde wenigstens ich selbst im nachfolgenden Satz als Beispiel dieser mangelnden Auffassungsgabe angeführt: «Zum Beispiel sieht Reinhold Fäth in seinem Beitrag ‹Zur evolutionären Rolle der Kunst für eine humane Zukunft› in der jüngsten Ausgabe von ‹Stil› im Ersten Goetheanum ‹das herausragende Beispiel konsequenter Umsetzung des steinerschen Baugedankens› und schließt daran seine weiteren Betrachtungen an. Zum Zweiten Goetheanum dagegen kommt lediglich die Bemerkung, dass man dort viel Malerei an die Wand hängen könne …»(4) Stefan Stockmar legt somit nahe, ich sei nicht in der Lage, die Metamorphose vom Ersten zum Zweiten Goetheanum nachzuvollziehen. Die angeführte Begründung mittels bruchstückhafter Zitate ist ein erstaunliches Lehrbeispiel für sinnveränderndes, aus dem Kontext gerissenes Zitieren. Weder kennt Stockmar meine Begeisterung für das Zweite Goetheanum, meine Kenntnisse zum Verhältnis der beiden Goetheanum-Bauten, wie sie von Rudolf Steiner verschiedentlich erläutert wurden, noch sagen die aus dem Zusammenhang gerissenen Zitatfragmente darüber etwas aus. Mein Beitrag für die Zeitschrift ‹Stil› handelt vom Verhältnis des Menschen zur Welt der Bilder, insbesondere der anthroposophischen Bilderwelt im weitesten Sinne und bewertet an keiner Stelle die verschiedene Architektur beider Bauten. Mein von Stockmar zuerst zitierter Satz lautet vollständig: «Das Erste Goetheanum – das herausragende Beispiel konsequenter Umsetzung des steinerschen Baugedankens durch Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft – sollte als großes, architektonisch-plastisch-malerisches Bilderwerk zur Weltöffentlichkeit sprechen und die geistige Art und Harmonie der Völker Europas in den Kapitellformen und Architraven verbildlichen, wie Rudolf Steiner kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Oktober 1914 in den Vorträgen ‹Der Bau als Wahrzeichen geschichtlichen Werdens und künstlerischer Umwandlungsimpulse› erläuterte.»

Erst sehr viel später schreibe ich im Bilder-Kontext meines Artikels: «Das Erste Goetheanum war Hochschule für Geisteswissenschaft, Eurythmiebühne und Bühne für die Mysteriendramen, den ‹Faust› und für zeitgenössische Dramen und Musik anthroposophischer Künstler; das Erste Goetheanum war zugleich ein Ort imaginativer Bilder (Glasfenster, Deckenmalereien). Über das Zweite Goetheanum hat Rudolf Steiner wohl einem Maler gegenüber geäußert, dass man im neuen Bau viel mehr Möglichkeiten hätte, um Malereien an den Wänden zu hängen.» Eigentlich erübrigt sich jeder weitere Kommentar. Stockmars ‹Beispiel›-Beweis sagt nichts über den Grad meines Metamorphose-Verständnisses hinsichtlich der Goetheanum-Bauten aus, nur etwas über eine indiskutable Zitierweise. Doch damit nicht genug: Gleich anschließend folgt Stockmars nächstes Verdikt, nämlich dass «nur wenige der Menschen, die vehement auf dem Begriff ‹anthroposophische Kunst› bestehen», ein intensives Verhältnis zum Zweiten Goetheanum pflegen würden. Dazu erstens: Wer besteht denn ‹vehement› auf dem Begriff anthroposophische Kunst? Ich stelle nur nüchtern die historische Tatsache fest, dass Rudolf Steiner den Begriff geprägt hat und dass er und andere Künstler ihn benutzten. Wer ihn heute benutzen will, muss selbst wissen, was er tut. Zweitens: Wenn Stockmar quasi beweisführend fortfährt: «Dabei [!] hat Rudolf Steiner schon während der Bauzeit des Ersten Goetheanum öfters betont, dass er es ein nächstes Mal ganz anders machen würde und ein drittes Mal wieder ganz anders», dann erkenne ich bei diesen verschiedenen Aussagen keinen logisch-kausalen Zusammenhang. Drittens: Ich selbst habe in meinem schon erwähnten ‹Aenigma›-Essay diese Bemerkung Rudolf Steiners über das ‹Ein-drittes-Mal-ganz-anders-Bauen› zitiert und kommentiert. Meines Wissens gibt es nur diese einzige Stelle im Vortragswerk, wo Rudolf Steiner die betreffende Aussage (und zugleich Voraussage) macht, aber er hat sie sicher nicht «öfters [!] betont», wie Stockmar unzutreffend zitiert.(5) Diese Aussage Steiners im Kontext einer Fragenbeantwortung hat die Pointe, dass es sich um eine der vergleichsweise wenigen Ausführungen handelt, wo Steiner den Begriff anthroposophische Kunst explizit gebraucht. Nachdem er gefragt wurde: «Würde die Kunst unter dem Einflusse anthroposophischer Lehren nicht eine Tendenz haben, eintönig zu werden, was nicht interessant wäre? Gibt’s nicht eine Gefahr, dass die Kunst einen anthroposophischen Stempel tragen würde, wie von einer besonderen Malerschule?», antwortet Rudolf Steiner sehr ausführlich. Es lohnt sich, seine Antwort genau zu studieren, denn sie korrigierte schon damals die Ressentiments gegenüber dem Begriff anthroposophische Kunst. Nachstehend ein Teil seiner Antwort:

«Dasjenige aber, was wirkliche Anthroposophie ist, das führt ja, ob man’s nun an der Lehre anfasst, ob man’s an der Kunst anfasst, das führt zu dem innerlichen Erleben von etwas durchaus Ursprünglicherem, als anthroposophische Lehre ist und anthroposophische Kunst ist, von etwas, was lebendig weiter zurückliegt im Menschen. Schafft man auf der einen Seite künstlerische Formen, die gar nichts zu tun haben mit den anthroposophischen Lehren und stellt man sich dann wiederum aufs Wort ein, auf den Gedanken, so schafft man aus denselben Untergründen heraus Ideenzusammenhänge. Beides sind Zweige, die aus einer Wurzel sind. Aber man kann nicht den einen Zweig nehmen und ihn in den anderen hineinstecken.

Ich kann jedenfalls nicht nachfühlen, dass ein Leben aus einer solchen Kunstent­wickelung heraus dazu führen könnte, eintönig zu werden, denn – ich möchte jetzt nur illustrativ sprechen – ich kann Ihnen die Versicherung geben, wenn, nachdem dieser Bau fertig ist, ein anderer von mir gebaut werden müsste, so würde er ganz anders werden, so würde er ganz anders ausschauen. Ich würde niemals imstande sein, in monotoner Weise diesen Bau noch einmal zu bauen; und einen dritten würde ich wieder anders bauen …»(6)

Hier wird von Rudolf Steiner der Begriff anthroposophische Kunst expliziert und am Beispiel seines künstlerischen Bauens in anti-monotoner Lebendigkeit illustriert. Also genau die Aussage, die Stefan Stockmar gegen Steiners eigenen Begriff kritisierend vorbringt, steht bei Rudolf Steiner im Kontext des Begriffs anthroposophische Kunst!

Errare humanum est.

Fehler machen und Fehleinschätzungen begehen, ist menschlich. Wer vermeintliche oder tatsächliche Missstände der anthroposophischen Kunstgeschichte oder der anthroposophischen Kunstszene der Gegenwart kritisieren will, sollte sie an einzelnen Kunstwerken konkretisieren, denn dann können die Betroffenen und Beteiligten entweder die Kritik nachvollziehen und lernen oder sich gegen unzutreffende Kritik wehren. Insofern bin ich Stefan Stockmar sowie der Redaktion der Wochenschrift ‹Goetheanum› dankbar, dass ich, namentlich genannt als Beispiel eines vermeintlichen ‹Radikalmetamorphose›-Blinden, meine auf konkrete Sachverhalte bezogene Gegendarstellung bzw. Richtigstellung äußern kann. Ich bin überzeugt, dass die jahrzehntealte Streitfrage, ob es anthroposophische Kunst gibt, kunstwissenschaftlich ad acta gelegt ist. Ich mag mich irren, aber ich hege die Hoffnung, dass damit ein neuer Freiraum entsteht, um sich über die Bedeutung der anthroposophischen Kunstimpulse Rudolf Steiners, seiner Schulungsskizzen, seiner beispielgebenden Kunstwerke für das individuelle Kunstschaffen offen und fair auszutauschen – und um gemeinsam kunstrelevante Aufgaben der anthroposophischen Bewegung, der Anthroposophischen Gesellschaft und der Sektion für Bildende Künste (7) am Goetheanum zu ergreifen!


Dieser Beitrag bezieht sich auf die Artikel und Leserzuschriften im ‹Goetheanum› Nr. 47/2018 und Nr. 1–2/2019 zum Thema anthroposophische Kunst.

Bild: Günter Meier, ohne Titel, undatiert, Lithografie

(1) Reinhold J. Fäth u. David Voda (Hrsg.), Aenigma: Hundert Jahre anthroposophische Kunst. Arbor Vitae, Prag 2015. Siehe darin meinen Essay ‹Sternbild Aenigma› mit ausführlicher Begriffsgeschichte.
(2) Stimmen zur Problematik der ‹anthroposophischen Malerei›, Das Goetheanum, 23.11.2018, S. 10–11. Die Stimmen werden zitiert aus: Andreas Mäckler, Anthroposophie und Malerei.
(3) Zuschriften zu ‹Gibt es eine anthroposophische Kunst?›, Das Goetheanum, 4.1.2019, S. 19.
(4) Ebenda.
(5) Gerne lasse ich mich berichtigen. Ich würde mich freuen, wenn Stefan Stockmar mir weitere Stellen mit der in Rede stehenden Aussage mitteilen könnte.
(6) Rudolf Steiner, Kunst und Anthroposophie. Der Goetheanum Impuls. Sommerkurs 1921. 1996, S. 105–106.
(7) Der Artikel Stockmars erschien begleitend zur Veranstaltung einer Podiumsdiskussion der Sektion für Bildende Künste am Goetheanum mit der gleichnamigen Frage ‹Gibt es anthroposophische Kunst?›.

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