Übersetzen als Lebenswerk

Übersetzen als Lebenswerk

Seit über 30 Jahren arbeitet Bernd Lampe an Übersetzungen und Übertragungen des johanneischen Werks. Der Dreiklang Apokalypse, Evangelium und Briefe des Johannes ist so etwas wie der geistige Kern seines Forschens geworden.


Was er der Sprache des Johannes ablauscht, fließt auch mit ein in sein weiteres schriftstellerisches Werk, wie seine Beschäftigung mit Wolfram von Eschenbachs Parzival oder auch mit den Klassenstunden Rudolf Steiners zeigt.

Die 2017 erschienene Übersetzung des ‹Evangeliums nach Johannes› unterscheidet sich nun von allen vorangehenden Versuchen. Sie wird getragen von ausführlichen Kommentaren und Essays zu einzelnen Fragen und Aspekten des johanneischen Werks, zum Beispiel zu den Ich-bin-Worten Christi, zu dem johanneischen Jüngerkreis oder zu den Frauen im Johannesevangelium. Bernd Lampes Kommentare und seine weiterführenden Überlegungen sind immer originell, mitunter auf eine geniale Art erhellend, und auch da anregend, wo ich ihm nicht ganz folgen möchte, wenn er von urbildlich sechs Ich-bin-Worten ausgeht anstatt von sieben.1 Bernd Lampe fasst die Christus-Worte ‹Ich bin die Tür› (10,9) und ‹Ich bin der gute Hirte› (10,11) zusammen.

An der Übersetzung berührt etwas zutiefst, was ich die musikalisch-inspirierende und inspirierte Wesenheit des Johannes nennen möchte. Es ist Bernd Lampe gelungen, dem Johannesevangelium Tiefenschichten abzulauschen. Ein Beispiel, Vers 20,22-23: Nach Luther heißt es dort – also nach der Auferstehung Christi: «Nehmt hin den heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.» Hier wird den Jüngern durch Christus eine Art Vollmacht verliehen, mit dem Heiligen Geist zu wirken. Es klang für mich immer nach (unchristlicher) Willkür: Den einen können die Jünger ihre Sünden erlassen, den anderen «sie behalten». Hier klingt für mich etwas Alttestamentarisches mit, das ich nicht mit dem Wesen des Auferstandenen zusammenbringe.

Bei Emil Bock lautet diese Stelle wie folgt: «Nehmet hin heiligen Geist! Die ihr aus der Sünde löset, sollen aus ihr gelöst sein, und die ihr in ihr verharren lasst, sollen in ihr verharren.» Das Rätsel bleibt auch bei Bock bestehen. Was ist das für eine Vollmacht über andere? Wie ist sie mit der Freiheit jedes einzelnen Menschen vereinbar? Warum sollten die Jünger nicht alle Menschen von ihren Sünden erlösen?

Durch Bernd Lampe habe ich diese Stelle erstmals wirklich begriffen, wobei ein Entwicklungsbogen bei Lampe sichtbar wird. In seiner Übersetzung von 2004 heißt die fragliche Stelle:

Ergreifet jetzt den heilenden Geist!
Wenn ihr Menschen
aus der Trennung von Gott zu befreien versucht,
dann erfahren sie in sich,
dass sie wirklich befreit sind;
wenn ihr den Menschen
aus der Kraft meines Ich entgegentretet,
dann finden auch sie
die Kraft meines Ich in sich.

Durch die Versgestaltung tritt eine Rhythmisierung der Sprache ein, die tiefere Seelenräume eröffnet. Es geht nicht um eine Dualität von ‹Sünde lösen – in Sünde verharren›, sondern um einen Entwicklungsprozess, den die Jünger für alle Menschen anregen können und der auch Folgen hat für ihre eigene Ich-Entwicklung. Dieser letzte Aspekt wird noch deutlicher durch die neue Übersetzung von 2017:

Empfanget heilenden Geist!
Wenn ihr einem Menschen
eine Verfehlung verzeiht,
dann werdet ihr sehen,
ihm ist bereits verziehen. –
Wenn ihr ihm
aus der Kraft meines Ich begegnet,
dann werdet ihr sehen,
er trägt
mein IchBin bereits in sich.

Der Christus weist seinen Jüngern einen Weg, wie sie mithilfe des heilenden Geistes das ‹Ich bin› in allen Menschen sehen lernen können. Der Christus als «das SchöpferWort» (1,2) ist schon in allem, denn «alles ist durch Ihn geworden. Getrennt von Ihm ist nichts entstanden» (1,3). In dieser neusten Übersetzung höre ich den gegenwärtigen Christus sprechen.

Eine persönliche Erfahrung mit dem Übersetzungswerk: In den vergangenen Jahren war ich dreimal auf der Insel Patmos, wo Johannes die Apokalypse empfangen hat. Wie auf vielen Ikonen dargestellt, war das ein dramatischer, göttlich inspirierter Vorgang. Oft wird Johannes liegend dargestellt, intensiv lauschend und zugleich seinem Schreiber Prochoros das Gehörte diktierend. Patmos strahlt etwas Urchristliches aus, etwas Johanneisches, das weder durch die wechselhafte Geschichte der Insel noch durch die griechisch-orthodoxe Kirche, geschweige denn durch die zahllosen Touristen überlagert werden kann. Bei jedem Besuch auf Patmos habe ich Teile des Evangeliums und der Apokalypse in Übertragungen von Bernd Lampe gelesen. Es war berührend, zu erleben, wie das musikalisch Rhythmisierte und Inspirierte der Übersetzungen Lampes zusammenklingt mit der rauen, kleinen Insel des Johannes.


1 Vgl. meinen Aufsatz: ‹Entwicklung und Balance – der Weg des Ich-bin›, in: ‹Mit dem Menschheitsrepräsentanten unterwegs›, Novalis-Verlag 2018.

Das Evangelium nach Johannes aus dem Griechischen übertragen und kommentiert von Bernd Lampe, Verlag der Kooperative Dürnau, 2017, 381 Seiten, 25 €.

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