Sternenkunst

Sternenkunst

Wer das Glück hatte, jemals eines seiner Werke zu sehen, der darf sich freuen auf die erste umfassende Werkschau von James Turrell in Deutschland. Allen anderen sei ausdrücklich eine Reise nach Baden-Baden empfohlen. Im Museum Frieder Burda wird vom 9. Juni bis 28. Oktober ‹The Substance Of Light› gezeigt. Darin werden fünf Jahrzehnte des Schaffens eines außergewöhn­lichen Künstlers dokumentiert.


James Turrell ist ein Lichtkünstler. Was seine Objekte einzigartig macht, ist ihre buchstäbliche Unsichtbarkeit. Mit dieser Paradoxie ist die wesentliche Sphäre des Lichtes formuliert. Wir sehen es selbst nicht, aber wir sehen alles durch Licht. Um diese Durchlichtung der Welt anschaulich werden zu lassen, hat Turrell Techniken und Konzepte entwickelt, die den gegenständlichen Raum der Objekte unseres Sehens zum Zeitraum umgestalten. Dies ist wörtlich zu nehmen. Wer eintritt in eines der körperlichen Gebilde flutender Farbigkeit, der erlebt augenblicklich die Auflösung dessen, was normalerweise unser Sehen begrenzt und definiert. Die Wände stehen nicht mehr fest, es gibt keine physische Kontur mehr, von der man noch sicher zu sagen wüsste, ob sie sich wirklich materiell an Ort und Stelle befindet. Es ist unglaublich verblüffend, was in diesen Farbräumen, den sogenannten Ganzfeldern, mit dem Bewusstsein geschieht.

Man verliert den Boden unter den Füßen, das Raumgefühl, das uns gewöhnlich trägt, hilft nicht mehr, sich zu orientieren. Damit geht durchaus eine seelische Erschütterung einher. Der imaginative Raum des Erlebens lässt viele Besucher unwillkürlich die Hände ausstrecken und aktiviert den Tastsinn. Leiblich zu spüren, was da ist und doch so unbegreiflich ... Wie in der frühen Kindheit möchte man sich haptisch durch Berührung mit der Umgebung in Beziehung setzen. Hin und wieder verhilft das verständnisvolle Personal auf Nachfrage zur gestischen Überzeugung. Es kennt ja aus Erfahrung die Irritation der Besucher. Und tatsächlich – da, wo man sicher eine Wand zu sehen meinte, wischt nun eine Hand durch leere Luft. Was jedoch die Fußbodenkante angeht, den deutlich auszumachenden rechten Winkel zwischen Boden und Wand – da hält die Dame lieber Abstand und versichert, dass sich dort in Wirklichkeit ein anderthalb Meter tiefer Abgrund befindet.

 
 Unseen Blue 2002, Skyspace Argentinien, 2009 © James Turrell, Foto: Florian Holzherr

Unseen Blue 2002, Skyspace Argentinien, 2009 © James Turrell, Foto: Florian Holzherr

 

Das Ganzfeld ‹Apani› stammt aus dem Jahr 2011, wo es auf der Biennale in Venedig für Furore sorgte. Dieser Lichtraum darf nur in kleinen Gruppen für begrenzte Zeit betreten werden. Nicht nur, weil Gedränge und menschliche Enge der Erlebnissphäre zuwiderlaufen würden, sondern man hält es tatsächlich nicht sehr lange aus in der Konzentration dieser Farbdichte. Die Komposition der Installation lässt Farbsequenzen unmerklich ineinander übergehen. Sanft anflutend zu Beginn und dann gesteigert, bis zu einer satten, dichten Intensität, die man als Persönlichkeit der jeweiligen Farbe erfährt. Steht man beispielsweise im Blau, dann fluten den Raum zugleich unzählige Bildeindrücke, die sich tableauartig verhalten; gerade noch fühlte man sich himmlisch blau geborgen, da wabern die Töne plötzlich und werden zum dichten Nebel oder zur eisigen Kälte. Es sind buchstäblich Farbtöne, welche die Seele zum Klingen bringen. Sie selbst wird als Instrument des Fühlens wahrnehmbar. Es ist eine übersinnliche Erfahrung, sinnlich wahrnehmbar, wenn die Seele blau macht, oder rot – denn das tut sie, im Nachbildschaffen der Tat- und Leidekräfte des Lichtes. So wird schöpferisch Weltraum freigesetzt. Doch jetzt kommt Pink herangeflutet, und dem ist bei zunehmender Sättigung schwer standzuhalten. Vermutlich ist es eine äußerst individuelle Angelegenheit, welche Farbigkeit jeweils spezifische Kräfte und Energien im Betrachter entbindet. Jedenfalls ist es eine Überraschung des eigenen Erlebens, die gar nichts mit den bekannten persönlichen Vorlieben oder Abneigungen zu tun hat. Es verhält sich so, dass man in den selbst erzeugten Farbräumen des Seelischen so steht, dass sie plötzlich als Außenwelt erscheinen – das verschiebt die Gewichte. So erschien mir die orange Flutung als Wohltat. Im orangen Farbfeld sich gehalten zu erfahren – einerseits durchlichtet, durchwärmt, andererseits beruhigend geerdet. Es ist Zufall oder Schicksal, welche Sequenz man antrifft.

Das Licht weht mit dem eigenen Blick wie ein Vorhang.

Was im Ganzfeld ‹Apani› die Seele beinahe überwältigt, lässt sich in ‹Dual Shallow Space› als Bewusstseinserfahrung vertiefen. In diesem symmetrisch angelegten Farbraum kann man so lange verweilen, wie man will. Dazu ist er als Durchgang eingerichtet, die Flurkorridore auf beiden Seiten sind einbezogen ins Geschehen. Diese Offenheit vermittelt wieder einen zauberhaften Eindruck davon, wie sich die Außenwände mitfärben, obwohl dort keinerlei Lichtquelle angebracht ist. Das Licht weht mit dem eigenen Blick wie ein Vorhang. Das nackte Weiß der Stellwände und der Deckenabhängung liegt klar vor Augen, und doch kann man die farbigen Schatten sehen, die von einem Raum zum anderen wandern. Es ist das Auge selbst, das diese Entwürfe und auch die Komplementärfarben projiziert – man sieht sich beim Sehen zu.

James Turrell ist ein Künstler, dessen Werke, nach eigener Aussage, ausdrücklich geisteswissenschaftlich inspiriert sind. 1943 in Pasadena, Kalifornien, geboren, studierte Turrell zunächst Psychologie und Mathematik, bevor er sein Kunststudium absolvierte. In den 60er-Jahren beschäftigte er sich mit Minimal Art und Land Art, dann entdeckte der passionierte Flieger eines Tages beim Überflug in Arizona den Roden Crater. Ein erloschener Vulkan in der Wüste wurde sein lebenslanges Projekt. Seit den 70er-Jahren baut er den Krater sowie das umliegende Gelände zu einem Himmelsobservatorium um. Verschiedene Modelle der Bauphasen finden sich ebenfalls in der Ausstellung in Baden-Baden. Diese künstlerische Anlage verbindet die Frühzeit der Menschheit mit der Moderne. Ein Tempelbau, der ebenso an die Steinsetzungen der Megalithkultur wie an den ägyptischen Einweihungsweg zur Pyramide erinnert. Um den Himmel auf Erden wahrzunehmen, hat Turrell noch ein weiteres Kunstfeld erfunden. Die sogenannten Skyspaces können in extra errichteten Bauten, aber auch in bereits bestehenden Gebäuden installiert sein, in deren Decken Öffnungen eingelassen werden, die den Himmelsausschnitt als lebendiges Gemälde offenbaren. Es gibt inzwischen mehr als 160 solche Kunstwerke rund um die Erde. Man möchte sich sogleich auf die Suche nach einem davon begeben. James Turrell lässt ein Wahrspruchwort von Rudolf Steiner innig konkret werden: «[…] In der stummen Stille aber reift, was Menschen sprechen zu Sternen. Ihres Sprechens Wahrnehmung kann Kraft werden des Geistesmenschen.» Herzlich gestärkt verlässt man die Ausstellung.


Hauptbild: James Turrell, Ganzfeld Apani, Museum Frieder Burda, 2018, Foto: Florian Holzherr

Spuren, in den Sand gelegt

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Einseitigkeiten

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