Grenzen

Grenzen

Kunst entsteht an Grenzen. Literatur muss sie nicht überschreiten, um zu überzeugen, aber sie muss sie berühren, erlebbar machen, sich an ihnen reiben. An der Grenze begegnet der menschliche Wille sich selbst.


Das, was man sich dachte, begegnet einem anderen, das man nie gedacht hätte, selbst im Traum nicht, und das von einer Wirklichkeit zeugt, die mehr ist als ein Modell. An dieser Peripherie begegnet man dem Blick des eigenen Denkens auf sich selbst. Die Nähe des Schreibvorgangs zum Denkvorgang, den der große europäische Autor Fernando Pessoa immer wieder bezeugte, führt hier zu einer Krise, die jede Geläufigkeit des fröhlichen Formulierens, eines Schreibens, das Spaß macht, wie viele heute arglos und narzisstisch verkünden, unterwandert und zerstört. Auf dieser Grenze steht man Balanceakten Modell, nichts ist mehr gewiss, alles muss vom schreibenden Ich durchdrungen sein, sonst sind die Worte nur noch Wörter, ist die Sprache nur noch künstlich intelligent, aber nicht mehr schöpferisch. – In diesem Sinne war es der Impuls von Diskurs & Poesie, in der heute entstehenden Literatur Keime der Bewusstseinsseele aufzufinden – erschien die Rubrik doch in einer Wochenschrift ‹für Anthroposophie›. Vor diesem Hintergrund wurden Neuerscheinungen, manchmal sicher auch einseitig, als Beispiele eines eher verstandesseelenhaften Ansatzes gedeutet (der damit keineswegs generell abgewertet werden soll) oder bewusst persönlich rezensiert. Denn es kann sinnvoll sein, und sei es vorläufig plakativ, Ansätze und Zugänge zu unterscheiden. Weder auf der moralischen noch auf der ästhetischen Ebene ist es das Was, der Inhalt eines Buchs, und ist es auch nicht seine ethische Botschaft, sind es nicht die Werte, die beschworen werden, welche die geistige und poetische Kraft von Geschriebenem ausmachen. Sondern im Wie, und damit im Zugriff und in der Präsenz eines Ich, liegt immer mehr die Poesie und Lebenskraft der Literatur. Sie generiert im Einzelnen immer ihre eigene Form, und sie tut dies anhand eines Grenzerlebnisses im Schreibprozess selbst, anstatt sich vorhandenen Mustern und Schemata anzupassen.

Die Erinnerung an dich ist das Aufragende, dein Körper das Verfallende. Dein Phantom hält sich in meiner Erinnerung aufrecht, während dein Skelett in der Erde zerfällt.
— Eduard Levé

Wo steht vor diesem Fragehorizont der europäische Roman? Wo steht das anthroposophische Buch? Gibt es dieses überhaupt (noch)? Bewusstseinsmäßig stehen wir an der Schwelle, wo rauschhafte politische Konstruktionen – Digitalisierung und künstliche Intelligenz – die Qualität und die Seele Europas verdunkeln. Europäisch ist die Haltung Schiller'schen freien Spiels und Goethe'schen Wahrnehmungsernstes. Auch das anthroposophische Buch erliegt allzu oft der Verführung, so begeistert von der eigenen Idee zu sein, dass es künstlerische Gesetzmäßigkeiten ignoriert oder ‹anthroposophisch› (um)deutet. Entsprechend orientierte Autoren meinen dann, wenn sie sich belletristisch versuchen, dass sie ja schon per Definition Grenzerfahrungen mitbrächten und der übersinnliche Inhalt dessen, was sie schreiben, Gewähr genug sei für das Zukünftige, um das es ihnen geht. Denkbar ist (und man will es nicht hoffen), dass irgendwo ein Anthroposoph oder eine Anthroposophin bereits daran sitzen, etwa die ‹Philosophie der Freiheit› als Roman umzusetzen, die ‹Geheimwissenschaft› als Langgedicht, das Schulungsbuch ‹Wie erlangt …› als Drama oder die Begegnung von Platonikern und Aristotelikern als Netflix-Serie. Ergiebiger wäre es dagegen zu fragen, in wie vielen scheinbar unanthroposophischen Romanen oder Essays der Gegenwart eine Philosophie oder Grenzerfahrung der Freiheit verborgen ist, ein geheim-offenbares Wissen über das Wesen irdischen Lebens, das allein auf der Wachheit eines Zeitgenossen fußt, oder eine Erkenntnis höherer Welten, die nicht über Meditation zustande gekommen ist. Denn anstatt auf geistige Erlebnisse zu warten, könnten wir auch dafür Sorge tragen, selbst zu einem geistigen Erlebnis für andere zu werden – und sei es einem grenzwertigen, ja heiklen. Das gern zitierte Diktum des jungen Kafka, ein Buch müsse die Axt sein für das gefrorene Meer in uns, sollte uns nicht glauben machen, nach Lektüre der Gesamtausgabe schon auf dem poetischen Wasser gehen zu können. Literatur ist weder die naive Positivität des Ostersonntags noch die ewige Negativität des Karfreitags; die Kunst, so der alternde Botho Strauß, findet am Karsamstag statt. Im bald immer mehr zufrierenden Meer unserer Zivilisation, das demnächst Roboter in Gedichten besingen werden, braucht es die mutige, brennende Liebe des Himmelsmenschen in uns, der zu den Prostituierten geht und zu den Zöllnern, an die Grenzen und in die Höllen.


Zeichnung: Philipp Tok

Wo Europa jetzt zusammenfinden sollte

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Offene Lektüren 5

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