Ermutigung 3

Ermutigung 3

Ein Büchlein, nur 77 Seiten stark, liegt vor mir und zeigt mir sein besonderes Titelbild: ein Kind, das im Morgennebel tanzt und die Arme zum Kreuz gebreitet hat. Doch halt, auf S. 77 lese ich: Es ist ein Mädchen aus Nepal, das Shanti heißt und nicht im Morgennebel tanzt, sondern im Rauch einer Müllverbrennung, in die das Sonnenlicht fällt.


Und damit ist bereits alles Wesentliche gesagt: Aus dem brennenden Müll unserer Gegenwartszivilisation auferstehen unsere Kinder tanzend, trotz allem. Das ist der Glaube des Autors, Johannes Greiners und darum hat er es gewagt, sein Buch ‹Mensch, ich glaube an dich!› zu nennen.

Mögen wir jemandem glauben, der so fest glaubt? Noch dazu an den Menschen, durch den doch so viel Unheil über die Erde gekommen ist? Wahrscheinlich sind wir zunächst skeptisch: Einem Rosarotmaler wollen wir nicht gern folgen, da wir die Illusion nicht schätzen. – Aber von den Angstmachern, die uns täglich aus den Medien ihre hoffnungslosen Untergangsszenarien entgegenbrüllen, den Goliaths wie auch den Davids, haben wir auch langsam genug. Aber wir lesen bei Johannes Greiner, gleich am Beginn des ersten Kapitels, dass er weder in Angst erstarren noch in Illusionen schweben möchte. Nun können wir gespannt sein: Wird er einen dritten Weg finden?

Und wir folgen dem Autor, Kapitel für Kapitel, wie er sich ganz schlicht, ganz aus seinem persönlichen gegenwärtigen Stehen in der Welt heraus, aber doch sehr tief, weil er eben selbst tief veranlagt ist, um eine Standortbestimmung bemüht. Ohne zu spekulieren, immer nachvollziehbar, aber durchaus auch kühn apokalyptisch zum Himmel und unter die Erde blickend, nichts unterdrückend und verharmlosend, legt Johannes Greiner Rechenschaft ab und spannt den Bogen, so weit er nur kann: Was kann ich, als ein einzelnes Ich, tun, um Auswüchsen unserer Gegenwart wie dem Terrorismus etwas Heilendes entgegenzusetzen? Ist der Terrorismus ein Erziehungsproblem, so fragt ja auch der Untertitel dieser kleinen Schrift. Wie muss ich auf die Welt schauen, auf die Menschen, dass sie anders, dass sie gut, dass sie sie selbst werden? Das zeigt uns Johannes Greiner aus einer äußerst möglichen Selbstbesinnung heraus und bleibt doch am Ende bescheiden: «Ich bilde mir nicht ein, ich könne mit positiven Gedanken den gegenwärtig agierenden Terroristen stoppen oder zum Guten wandeln. Aber ich bin überzeugt, dass solche Gedanken zu einer Welt beitragen können, mit der sich die Menschen so verbinden können, dass solche Krankheitserscheinungen am Leib der Menschheit, zu welchen man den Terrorismus zählen kann, in Zukunft nicht mehr auftreten müssen.» (S. 64)

Der zentrale Gedanke des Buchs fußt auf Rudolf Steiner, der am 22.1.1921 (GA 203) etwas Erstaunliches mitgeteilt hat, nämlich dass es heute so sei, dass Kinder, bevor sie geboren werden, in der geistigen Welt belehrt würden, eine Art «vorgeburtliche Schulstunde unter Göttern» durchmachen, in welcher ihnen das mitgeteilt werde, was frühere Menschen auf Erden in den Mysterienstätten lernten. «Sodass diese Waldorfpädagogik und -didaktik ja darinnen besteht, eben gerade dem Kinde die Hüllen hinwegzuschaffen, dass es zu sich selbst kommt, dass es das in sich entdeckt, was Götterbelehrung ist.» (Rudolf Steiner, a.a.O. S. 39) Und vier Monate vorher sprach er von den in der geistigen Welt empfangenen Imaginationen, die in den Leibern der Kinder sitzen und heraufwollen, um sich als kulturschöpferische Willensimpulse menschlich zu entfalten, die aber zu destruktiven Impulsen werden, wenn sie nicht angemessen hochgeholt, d.h. bewusst gemacht werden (11.9.1920, GA 199): «Das Kind hat in seinem Leibe Kräfte sitzen, welche es zersprengen, wenn sie nicht heraufgeholt werden in bildhafter Darstellung.» (Rudolf Steiner, a.a.O. S. 40) Nicht zuletzt darum arbeiten die Waldorfpädagogen so lange mit lebendigen Bildern statt mit toten Begriffen: Das ist nicht nur ein Eiteitei für die Kleinen, sondern ein zutiefst spiritueller Grundgedanke moderner Menschenerziehung! Entsprechend ist die Aufgabe des Lehrers, des Erziehers im Kern, im Wesentlichen nicht, etwas in die Kinder «hineinzulegen», sondern etwas, das sie mitgebracht haben, freilegen zu helfen. Und das wiederum, so beschreibt es Johannes Greiner, hängt von dem Blick ab, mit dem wir auf die Kinder, ja auf unsere Mitmenschen überhaupt schauen: «Ich kann mich bei jedem Menschen fragen: Was bringt er mit? Was ist sein Schatz? Sein Vermächtnis? Seine Gabe? Wie kann ich ihm helfen, vom Unwesentlichen abzusehen und das Wesentliche freizulegen?» (S. 44) Und sehr schön lebensnah und milde: « [Ich kann außerdem] versuchen, ein Beispiel eines Menschen vorzuleben, der sich wirklich interessiert für den mitgebrachten Himmel im anderen Menschen und im eigenen Herzen. Natürlich darf man sich dabei nicht überfordern. Nicht immer ist das Herz genügend offen, dass es wirklich Wesentliches aufnehmen kann. Aber jeder kann es immer wieder neu versuchen.» (S. 44 f.)

Das Soziale beginnt mit dem Blick, mit dem wir auf andere Menschen und auf uns selbst schauen. […] Unsere Gedanken und Gefühle wirken. Unser Desinteresse baut Mauern. Unser Frust verfinstert die geistige Atmosphäre. Unser Misstrauen lockt das Dunkle aus den Menschen. Unsere Angst lässt unsere schlimmsten Vorstellungen wahr werden. Leben nur materialistische Gedanken in unserem Blick, so denken wir das Kostbarste in den uns begegnenden Menschen stillschweigend weg. Das wirkt sich als Demütigung auf deren Seele aus.
— Aus: Mensch, ich glaube an dich! von Johannes Greiner, S. 36

Johannes Greiner stößt hier bis zur sozialen Komponente der Selbstfindung vor: «Erst wenn jemand sehen möchte, wer wir werden können, finden wir auch den Weg, uns in diese Richtung zu entwickeln.» (S. 47) «Wer sucht dasjenige, was ich aus dem Vorgeburtlichen an Impulsen mitbringe und die ich vergesse, wenn niemand danach fragt?» (S. 48) So tief angewiesen sind wir also aufeinander!

Was offenbart sich im Sozialen, wenn wir dies weiterverfolgen? «Gibt es überhaupt Räume im Sozialen, wo ich das, was aus mir werden will, leben kann? Oder bin ich nur geduldet, wenn ich einem Schema folge, das andere Menschen längst festgelegt haben? Wird mein Eigenes vielleicht als Gefahr gesehen? Ist das Individuelle überhaupt willkommen?» (S. 49) «Die ureigenen Individualitäten der Menschen erwachen heute, aber die Welt ist nur selten bereit, dieses Geschenk anzunehmen, zu würdigen und zu unterstützen. […] Wie können wir Gemeinschaften bilden, in denen das Ich in Erscheinung treten und wirklich leben kann?» (S. 51) Damit ist die große Frage gestellt. Johannes Greiner hat sein Äußerstes gegeben, um in klaren Gedankenschritten zu zeigen, was vom Einzelnen her möglich ist: «Wir brauchen Menschen, die bereit sind, als Ich-Geburtshelfer den anderen Menschen beizustehen. Wir brauchen Ich-Hebammen.» – «Wessen Ich sich gesund in einer Gemeinschaft entfalten kann, der wird niemals Terrorist werden.» (S. 53) – «Ich setze an bei meinem Blick auf mich, den Nächsten, die Ferneren und die gesamte Weltgemeinschaft. Ich versuche, diesen Blick von den Schatten der Angst zu reinigen und auf das zukünftig durch den Menschen Mögliche zu richten. Ich glaube an den Menschen und sein Entwicklungspotenzial. Das soll mein Glaube, das soll meine Hoffnung sein.« (S. 60)

Dies ist das Äußerste, was wir heute von uns aus, als Einzelne tun können, und Johannes Greiner hat es für uns formuliert: «Ich versuche, mich in meiner Menschlichkeit aufzurichten und dem Menschen einen Glauben entgegenzubringen, gegen den momentan noch vieles spricht. Und dabei versuche ich, meine Hände auszustrecken zu den Menschen, die Ähnliches versuchen, und offen zu sein für die Hilfe, welche göttliche Wesen uns geben wollen.» (S. 64) Mehr kann ein Einzelner nicht für sich, nicht für uns tun. Was offen bleibt, was vom Einzelnen aus offen bleiben muss, ist die Frage nach der sozialen Gestaltung: weil wir die nur gemeinsam tun können. – Johannes Greiners Büchlein vom Glauben an den Menschen sei jedem um Wachheit bemühten Zeitgenossen und allen um die Zukunft ihrer Kinder besorgten Eltern wärmstens ans Herz gelegt, denn es ist eine Quelle, die uns aus echten Menschentiefen immer wieder und für lange wird speisen können.


Johannes Greiner ‹Mensch, ich glaube an dich! Terrorismus – ein Erziehungsproblem?› Edition Widar, Hamburg 2017, 77 Seiten, 13 €

Zeichnung: Philipp Tok

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