Bart Vanmechelen: Ein innerer Kompass

Bart Vanmechelen: Ein innerer Kompass

Liebe Leser,

wir führen die Gespräche zur Meditation fort. Heute möchte ich Ihnen Bart Vanmechelen vorstellen, der im flämischen Teil Belgiens nahe der niederländischen Grenze geboren wurde. Er studierte Psychologie, Anthroposophie und soziale Entwicklung auf der Grundlage von Anthroposophie. Bart ist verheiratet und hat vier Kinder. Anthroposophische Meditation und die Arbeit als Erzieher und Ausbilder sind zentrale Bereiche seines Lebens. Für ihn ist Meditation wie ein innerer Kompass, der auf die menschliche Entwicklung gepolt ist. Mit diesem Kompass können wir bei der Essenz des Menschseins ankommen und Humanität in einer immer komplexer werdenden Welt ansteuern. Bart meditiert, weil er sich dessen bewusst sein will, was im Leben wichtig ist, mit anderen Menschen, mit der Welt, die uns umgibt, und weil er mit der Natur auf einer tieferen spirituellen Ebene verbunden sein will. Er hält Vorträge und Workshops, organisiert Konferenzen und bildet Heilpädagogen aus. Bart steht in enger Verbindung mit der Goetheanum Meditation Initiative Worldwide, die die ‹Living Connections›-Konferenz von 2017 organisiert hat.


Seit Oktober 2016 ist Bart Vanmechelen Lektor für die Heilpädagogikbewegung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Für die Anthroposophische Gesellschaft Belgiens sitzt er seit 2002 (abgesehen von 2009 bis 2012) im Vorstand und ist seit 2016 Generalsekretär. Bart arbeitet im Feld der Heil­pädagogik und Sozialtherapie. Er leitet eine Kinderkrippe und ist Teilzeit für die Qualitätsentwicklung und Ausbildung in einer Einrichtung mit betreutem Wohnen zuständig. Außerdem ist er Teil des Leitungsteams der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie am Goetheanum in Dornach und repräsentiert diese im Vorstand der Europäischen Kooperation für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie (ECCE) und in der Kerngruppe von Eliant.

Wie hast du angefangen zu meditieren?

Es ist schon lange her. Ich studierte Psychologie und war von den verschiedenen Bewusstseinsstufen fasziniert. Ich sann über die Bedingungen dafür nach, sich seiner Umgebung bewusst oder unbewusst zu sein. Denn wir sind verblendet von dem, was wir sehen, und das wirkt sich auf einer tieferen Ebene auf unsere Verbundenheit aus. Zudem experimentierte ich mit Entspannungsübungen. Irgendwann übte ich an einem stillen Ort und hatte auf einmal das Gefühl, mich selbst zu verlieren. Ich fürchtete mich und fühlte mich unsicher, zugleich war es eine zutiefst spirituelle Erfahrung, Teil eines endlosen, weiten Ganzen zu sein. Es machte einen starken Eindruck auf mich. Ich wollte verstehen, was passiert war, und im Zuge dieser Nachforschungen lernte ich die Anthroposophie kennen. Steiners Beschreibungen der Bewusstseinsstufen und ihre Entfaltungsmöglichkeiten begeisterten mich. An der anthroposophischen Meditation gefällt mir insbesondere, dass man lernt, selbst die Bedingungen für diese Arbeit zu schaffen, und dass man sich immer bewusst macht, was man tut. Unter diesen geschützten Umständen lernte ich also, zu meditieren. Das ist nun rund 30 bis 35 Jahre her.

Warum meditierst du?

Ich will mir dessen bewusst sein, was im Leben wichtig ist, möchte durch mein Fühlen fest verbunden sein und mit anderen Menschen, der Welt, die uns umgibt, und der Natur auf einer umfassenden spirituellen Ebene in Verbindung stehen. Es ist ein Weg, anzuknüpfen, sich zu verbinden. Das ist mein Leitgedanke.

Daraufhin lernte ich, wie ich Meditation in meinem Beruf einbauen kann, wie ich dadurch herausfinden kann, was wesentlich ist, und wie ich sie für die Suche nach Inspiration und Intuition benutzen kann. Beispielsweise bei der Frage nach den Gründen, warum ein Kind Schwierigkeiten in seiner Menschwerdung oder seiner Entwicklung hat.

Wir sind der Meinung, dass Meditation dabei hilft, zu erkennen, was die eigentlichen Fragen dieses Kindes sind und wie man mit dem wahren Wesen des Kindes in Kontakt treten kann, sodass man inspiriert ist und weiß, wie man das Kind in seiner Entwicklung unterstützen kann.

Meditation hat somit zwei Seiten. Eine ist, dass es gut ist, ein reiches inneres Leben zu haben und mit anderen Menschen und spirituellen Wesen, die uns inspirieren, verbunden zu sein. Die andere ist die berufliche Seite, wie man Meditation nutzen kann, um Inspiration, gute Ideen und Verfahren für unsere Arbeit zu finden. Also in meinem Fall, Kindern mit Entwicklungsproblemen zu helfen.

Was ist deine grundlegende anthroposophische Meditation?

In der Heilpädagogik ist die wesentliche Meditation die sogenannte Punkt-Umkreis-Meditation oder auch Punkt-Peripherie-Meditation. Sie knüpft sehr stark an die tägliche Rückschau am Ende des Tages an, bei der man die Ereignisse des Tages in umgekehrter Reihenfolge betrachtet, als würde man von einer Bergspitze auf das Tal schauen und sehen, was im Laufe des Tages geschehen ist. Dabei kann man von seinem eigenen Leben lernen, das eigene Schicksal wird zum Lehrer. Man erkennt, was das Wesentliche am Tag war und was einem neue Entfaltungsmöglichkeiten eröffnete. Hierbei tritt, sozusagen, eine zweite Ebene zutage. Man begreift, was man anstrebt, welche Ideale man realisieren will, was man zu erreichen versucht. Das regt die guten Absichten für den nächsten Tag an.

Anschließend beginnt in innerer Stille die Meditation. Für den Abend gibt Rudolf Steiner das Bild eines blauen Kreises, in dessen Zentrum ein gelber Punkt sitzt. Dieses Bild verknüpft er mit dem Gedanken: «In mir ist Gott.» Das führt einen in die Meditation und ist die Erfahrung nach der Rückschau auf den Tag. Diesen inneren Gehalt trägt man in die Nacht.

Am Morgen gibt es dann das bildliche Gegenstück. Der blaue Punkt im gelben Kreis. Mit diesem Bild beginnt man den Tag und ist von Neuem inspiriert, seine Arbeit anzutreten. Mit dem Satz: «Ich bin in Gott.» In diesem Moment strecken sich die Möglichkeiten und Gelegenheiten in meinem Leben vor mir aus und ich kann in den Tag gehen, gewappnet mit dem Gefühl einer neuen Stärke und Kraft und mit einer Offenheit für neue Inspiration und Intuition. Rudolf Steiner sagt, dass der gelbe Kreis in den Tag strahlt und man ihn so mit Dankbarkeit für die Gelegenheiten, die man in seiner Arbeit hat, beginnen kann.

Unsere Biografie wird Ausdruck unseres wahrhaftigen Wesens.

Für mich ist das eine grundlegende Meditation. Es erfasst nicht nur, wie ich mich selbst beruflich verstehe und wie ich schlafen gehe und nachts zu meinen spirituellen Quellen zurückkehre. Es ist auch ein Bild, das mich tiefe, fundamentale Fragen über das menschliche Wesen verstehen lässt: wie wir in unseren Körpern inkarniert sind, wie wir unser Leben und Schicksal leben können. Unsere Biografie wird Ausdruck unseres wahrhaftigen Wesens.

Mir hilft es, zu verstehen, wo mögliche Probleme auftreten können bei den Kindern oder Menschen, denen wir helfen wollen. Meditation ist dabei nicht nur für mich und meine eigene Stärke nützlich, sondern auch für die Erforschung des Menschenwesens in seiner Beziehung zum spirituellen, physikalischen und menschlichen mittleren Bereich, in dem wir beständig üben, mit Sanftheit und in Verbindung mit anderen. Das tun wir, um herauszufinden, wie wir anderen helfen, wie wir Kinder bei ihrer Entfaltung unterstützen können.

Ein unvergesslicher Moment der ‹Living Connections›-Tagung?

Es gab viele gute und unvergessliche Erlebnisse. Was mich natürlich am meisten bewegte, war die Stimmung, die wir zusammen schufen. Wir erlebten intensive Tage der vertiefenden Arbeit, in denen wir uns gegenseitig fanden, uns wiedererkannten und Inhalte aufbauten.

Das reibungslose Ineinanderfügen überraschte mich, dass die Menschen sich mit den Fragen beschäftigten, auf die wir uns tatsächlich vorbereitet hatten und die wir besprechen wollten. Niemand wusste endgültige Antworten, aber wir waren augenblicklich verbunden in der gemeinschaftlichen Arbeit an diesen Fragen. Das war beispielsweise ein bewegendes Erlebnis in den Arbeitsgruppen. Die Erfahrungen in der meditativen Übung bestätigten das vorher Gesagte. Die Teilnehmenden erkannten das Wesentliche wieder in dem, was wir mitgebracht hatten, weil sie es vorher mit uns zusammen erarbeitet hatten.

Mir fiel auch auf, dass aufgrund dieser Stimmung ein hohes Maß an Bewusstsein und gegenseitiger Offenheit herrschte. Die Unterhaltungen waren in ein tiefes Vertrauen gebettet. Menschen, die einen Beitrag, sei es in den Arbeitsgruppen oder musikalisch oder poetisch, vorbereitet hatten und anboten, erlebten ein Publikum, das vollkommen gegenwärtig war, zuhörte und auf einer tieferen Ebene wahrnahm.

Es gab starke, wunderschöne und inspirierende Beiträge. Die Atmosphäre im Goetheanum empfanden wir wie ein ‹Atmen›, eine atmende Atmosphäre, in der man empfängt, gibt, austauscht, miteinander und voneinander lernt. Es war wirklich ein starkes Erlebnis. Ich bin sehr glücklich, wenn ich an diese Woche zurückdenke.

Möchtest du etwas hinzufügen?

Ich hoffe, dass wir diese Arbeit mit vielen Menschen fortführen können und dass viele neue dazukommen. Wir haben damals gesagt, dass wir uns Zeit nehmen werden, darüber zu reflektieren, was von dieser Konferenz nachwirkt. Hoffentlich werden sich viele Gelegenheiten dafür ergeben. Ich freue mich sehr auf die nächsten Schritte, hoffe aber, dass wir nicht in eine reine Wiederholung dessen hasten, was wir bereits getan haben. Wir wollen nämlich weiterlernen und für das nächste Mal etwas Neues schaffen. In der Zwischenzeit nehme ich an kleinen meditativen Lerngruppen teil, zu denen ich auch etwas beitrage. Ich bin sehr inspiriert, diese weiterzuentwickeln und gemeinsam Wege zu finden, in unserem Beruf andere zu unterstützen und zu helfen.


Übersetzung: Imogen Pare
Zeichnung: Nathaniel Williams

 

Inessa Burdich hat einen Abschluss in Physik der Metalle und einen Master of Science in Therapeutischer Ausbildung. Sie arbeitet in der Gesellschaft für Angewandte Geistesforschung. Ihr zweiter Beruf ist Schachlehrerin. Ihr besonderes Interesse gilt der übersinnlichen Wahrnehmung, der Bewusstwerdung im Schlaf und der Vertiefung der Arbeit mit Symbolen, die sie durch intensivierte Meditation erforscht.