Junges Licht

Junges Licht

«In einer dunklen Nacht ward uns ein Kind geboren …» So tönt es mir durch den Sinn, wenn ich das vorliegende Buch von Corinna Gleide in einen Satz zusammenfassen sollte. Von der «Geburt der geistigen Sonne» im Menschen handelt es.


In sieben groß angelegten Kapiteln wird ein Weg durchmessen, der dieses Geburtsgeschehen im Herzraum des Menschen beschreibt und erforscht. Dabei wechseln mehr persönlich-überpersönliche Erfahrungsberichte der Autorin mit Studien­ergebnissen zum Werk Rudolf Steiners, unter lebendiger Einbeziehung anderer Autoren wie Fred Poeppig, Mario Betti, Sergej Prokofieff und Anton Kimpfler. Zugleich ist die Arbeit innerlich eingebunden in einen Kreis aktuell forschender Menschen, die in der Einleitung dankend erwähnt werden – was dem Ganzen einen ansprechend-inspirierenden Zug verleiht, indem deutlich wird, dass verschiedene Menschen in der Gegenwart um die Geburt ihres höheren Wesens ringen und sich dabei auch gegenseitig zu unterstützen suchen.

Berührend ist für mich an diesem Buch, wie erfahrbar wird, dass das Erlebnis des Sterbens und des Todes zu jeder geistigen Höherentwicklung notwendig dazugehört. Hier kann nichts übersprungen werden. Alle Weisheit, die ein Mensch aufnimmt und ausbildet, bewahrt ihn nicht davor, diesen existenziellen Prozess durchzumachen: zu sterben und durch die Christuskräfte neu geboren zu werden. Da sind wir alle gleich nackt und ohnmächtig, ja hilfebedürftig.

Corinna Gleide zeigt auf, wie auf dem Er­kenntnisweg der Anthroposophie das höhere Wesen des Menschen im Herzraum geboren werden will. Abgrundserlebnisse in der Meditation und im Leben treten auf. Der eigene Doppelgänger bäumt sich auf an der Schwelle. Er will und muss verwandelt werden, sonst geht es nicht weiter und wir drehen uns im Kreis. Auf der anderen Seite der Schwelle wartet gleichsam unser höheres Selbst – auf uns. Sich mit ihm zu vereinigen, ist ein umfassender, lange währender Liebesprozess. «Die Liebe wird eine Liebe zu allen Menschen und zur gesamten Natur. Sie ist in allem – und sie ist das allem zugrunde Liegende. Die Liebe erleuchtet den Menschen, von dem sie ausgeht, wie eine innere Sonne.» (S. 120)

Ein solcher Weg verlangt Opfer; es kann nicht anders sein. «Tod, Leid, Verlust und Schmerz gehören zu den wichtigsten Erfahrungen, die wir Menschen auf der Erde machen können. Jede dieser Erfahrungen hat in sich das Potenzial, dass der Mensch in seinem inneren Wesenskern, d. h. als geistiges Wesen, wachsen kann.» (S. 132) Diese Dimension des anthroposophischen Erkenntnisweges wird in dem Buch besonders authentisch zur Darstellung gebracht.

Menschen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts um Rudolf Steiner wirkten, sind heute wieder auf der Erde. Sie haben begonnen, sich unter­einander zu finden.
— Aus: ‹Die Geburt der geistigen Sonne›

Überhaupt hat dieses Buch mich auf einer tieferen Ebene dahingehend angesprochen, dass ich immer dann wach und erfüllt wurde, wenn der persönliche seelisch-geistige Erlebnisstrom von Corinna Gleide durch die Darstellungen schimmerte. An anderen Passagen wurde mir bewusst, wie anders mehr allgemein orientierte Studienergebnisse wirken, so zum Beispiel das ganze fünfte Kapitel des Buchs über ‹Rudolf Steiners Lebensumbruch und Einweihung›. Dieses ist in sich interessant und stringent geschrieben, wechselt aber in eine mehr übergeordnete Art der Betrachtung über, die für mein Empfinden die Existenzialität des geistigen Geburtsgeschehens im Lesen eher zurücktreten lässt.

Das kann Fragen aufwerfen. Berührt heute nur noch der Sprechende und Schreibende mit seinen Erfahrungen direkt inspirativ? Ist das Steiner-Referat demgegenüber wie verblasst, immer in der Gefahr, ein ‹bloßes Wissen› zu werden? Ist diese Erfahrung wiederum eine gegenwärtige Etappe auf dem Weg der Individualisierung der Anthroposophie? Was würde das heißen für den universellen Anspruch der Geisteswissenschaft und vor allem für den Umgang mit einzelnen Forschungsergebnissen – eigenen und denen anderer?

Ich bin Corinna Gleide sehr dankbar, dass ihr Buch – mehr indirekt – auch diese Fragen aufwirft. Zumal sie sich eindeutig in die Aufgaben unserer Zeit hineinstellt mit den Worten: «Menschen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts um Rudolf Steiner wirkten, sind heute wieder auf der Erde. Sie haben begonnen, sich untereinander zu finden, zu erkennen und in eine Zusammenarbeit zu kommen. Gemeinsam mit wiedergekommenen Platonikern und mit anderen Seelen hat eine Zusammenarbeit auf der Erde begonnen.» (S. 313)


Corinna Gleide, ‹Die Geburt der geistigen Sonne›, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2018, 351 Seiten

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