Zwei alte Themen: Das Geld und die Liebe

Zwei alte Themen: Das Geld und die Liebe

Rundschau ausgewählter Neuerscheinungen: Hier versammeln sich Aufmerksamkeitspunkte statt fertiger Rezensionen. Erste Zugänge werden formuliert.


Fast schon vergessen ist die Finanzkrise. Dabei ist sie keineswegs überwunden. Im kürzlich auf Deutsch erschienenen, fast 500 Seiten starken Sachbuch des amerikanischen Wirtschaftsprofessors Michael Hudson ‹Finanzimperialismus› (Klett-Cotta 2017) heißt es: «Die globale Finanzkrise der Gegenwart hat ihren Ursprung im Ersten Weltkrieg und seinen Folgen. Damals hätte das Prinzip verfochten werden müssen, dass souveräne Nationen nicht gezwungen werden dürfen, ihr wirtschaftliches Überleben auf dem Altar des Schuldendienstes souveräner Staaten gegenüber staatlichen und privaten Gläubigern zu opfern.» (S. 17)

Hudsons Analysen sind minutiös und fundiert, er erklärt die Funktionsweise des IWF und der Weltbank, erläutert den Neoliberalismus, der zum Ziel hat, durch die Überschuldung der Staaten deren Demokratie auszuhöhlen und grundlegende Dienste zu privatisieren (siehe etwa Griechenland), letztlich aber vor allem, um die Kriege der USA und der NATO zu finanzieren. Länder, die aus diesem System ausscheren, um ihre Autonomie zu bewahren, indem sie ihren Außenhandel nicht in Dollar abrechnen und keine Kredite des IWF annehmen, werden isoliert (Russland, Iran, China), bombardiert (Libyen, Syrien) oder durch ‹Revolutionen› einem Regimewechsel unterzogen. Das Vorwort zur deutschen Ausgabe gipfelt in Hudsons Appell: «Die unmittelbare Frage, die Deutschland und die anderen westeuropäischen Länder beantworten müssen, lautet, wie lange sie noch der von den USA vorgegebenen Sanktionspolitik folgen und auf Handels- und Investitionschancen in Russland, im Iran und anderen Ländern verzichten wollen.» Und: «Sollte der öffentliche Sektor grundlegende Dienste anbieten und die Bevölkerung vor räuberischen Monopolen, Extraktionen wirtschaftlicher Renten und finanzieller Polarisierung schützen?» (S. 16 f.)

Ähnlich wird das bei Sarah Wagenknecht, ‹Couragiert gegen den Strom. Über Goethe, die Macht und die Zukunft› (Westend Verlag 2017) gesehen. In Interviewform erzählt die Politikerin und Philosophin ihren ungewöhnlichen Werdegang: Aufgewachsen in Jena, galt ihre erste, bis heute anhaltende literarische Liebe Goethes ‹Faust›, insbesondere dem selten gelesenen zweiten Teil, den sie annähernd auswendig kennt. Obwohl sehr gute Schülerin, bekam sie wegen mangelnder politischer Anpassung erst nach der Wende einen Studienplatz für Philosophie an der Humboldt-Universität, ihr Schwerpunkt war Hegel. Später, während ihrer Zeit als Europa-Abgeordnete, promovierte sie über die soziale Marktwirtschaft nach Ludwig Erhard, die sie in Bundestagsreden immer wieder dem Neoliberalismus der Regierung vorhält. Keine typische Sozialistin also, schon gar nicht wünscht sie die DDR zurück. Ihren politischen Idealismus bezieht sie noch immer aus dem ‹Faust›: «Faust II endet mit der Botschaft, dass der Kapitalismus eine Übergangsgesellschaft ist. Er hat die Aufgabe, die Menschheit reich zu machen, also die Produktionsmittel, die Maschinen, so zu entwickeln, dass wir mit relativ wenig Arbeit sehr viel Wohlstand erzeugen können. […] In allen früheren Gesellschaften hätte eine größere Gleichverteilung nur die Verallgemeinerung von Armut bedeutet. Erst seit wenigen Jahrzehnten können wir tatsächlich den Wohlstand verallgemeinern. Aber wir können das nur theoretisch […]. Faust ist […] am Ende der Chef eines Weltkonzerns. Er tut, was Konzerne bis heute tun: ‹Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen›. Also Welthandel, Krieg um Rohstoffe, Ausplünderung von Ressourcen […]. Im Schlussmonolog entwirft er dann in wenigen luftigen Zügen die Vision einer Gesellschaft, in der Gemeinsinn und Freiheit an die Stelle von Egoismus und Abhängigkeit treten.» (S. 46 f.) Sarah Wagenknecht hält Wohlstand für alle für möglich, räumt dabei aber ein, dass es auch private Faktoren des Glücks gebe, auf die Politik keinen Einfluss habe, wie etwa eine glückliche Partnerschaft. Sie hat sie mit Oskar Lafontaine gefunden, das sei aber wohl nicht für jeden möglich.

Dagegen lautet die Behauptung der ‹Spiegel›-Bestsellerautorin Stefanie Stahl: ‹Jeder ist beziehungsfähig› (München 2017). Sie bezieht sich sowohl auf tiefenpsychologische Ansätze als auch auf die Transaktionsanalyse und liefert Anleitungen, störende Prägungen aus der Kindheit in konkreten Konflikten selbst zu bearbeiten. Der Kern ihrer Ausführungen und wohl auch des Erfolgs ihres Ansatzes ist die Ermutigung, mit dem Bewusstsein in eine Beobachterposition zu gehen, die sie die «zweite Position der Wahrnehmung» nennt (während die erste die alltägliche Identifikation mit den eigenen Gefühlen ist): «Das ist die Beobachterposition. Von hier aus schaust du aus deinem Erwachsenen-Ich auf dich selbst und deinen Interaktionspartner – du siehst euch also mit Abstand. Du kannst dir sogar vorstellen, dass du gar nicht du bist, sondern irgendein anderer Mensch […]. Nun stell dir bitte vor, du wärst eine neutrale Richterin oder ein neutraler Richter.» (S. 224) Damit sagt sie, dass der Mensch erwachsen ist, der sich selbst wie einen Fremden beobachten und beurteilen kann, und dies sei die Grundlage der Beziehungsfähigkeit.

Einen Kontrast zum Ratgeber-Bestseller stellt eine Neuerscheinung der Kasseler Edition Aquinarte dar: Jedes Buch ist hier ein handgefertigtes Unikat, das Buch selbst ein ästhetisches Objekt und nicht für die Massenproduktion vorgesehen. Jean-Claude Lin: ‹Den Himmel wiegen› (Kassel 2018) enthält eine Sammlung sehr persönlicher Haiku in deutscher, englischer und französischer Sprache. Nicht die schwierigen Momente einer Beziehung, die Arbeit bedeuten, sondern die poetischen, die wie Geschenke erscheinen, werden hier festgehalten:

Am Sommerabend
so lang die Sonne schauen
in deinem Gesicht

Jedes Bändchen ziert eine handgedruckte Seriegrafie auf Japanpapier im vorderen Umschlag und eine Handprägung in Büttenpapier auf dem Buchdeckel, pro Doppelseite erscheint rechts ein Haiku und links ein Datum, teilweise mit Ort:

unterm Nachthimmel tanzen wir
tanzen wir frei
— Bologna, 5.4.2016 Piazza Maggiore

In der ästhetischen Erfahrung ist Freiheit möglich, im Politischen immer gefährdet, so zeigen es diese vier Neuerscheinungen über zwei alte Themen: das Geld und die Liebe.

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