Zuschriften

Zuschriften

Versammlungen werden dann wieder zu Begegnungen

Zuschrift von Annelies Heinzelmann zur Jahresversammlung am Goetheanum, 22.–24. März 2018

Es schien schon vorgespurt, dass jetzt im März die Stimmen aus der Beratung des Vorstandes, der Hochschule, der Goetheanumleitung und der Generalsekretäre nicht gehört wurden; weder auf die Entwicklung durch die Beratungstage hindurch noch auf die eindringliche Schilderung und Bitte der Menschen aus der Jugendsektion, dass es für junge Menschen fast unmöglich sei, einer Gesellschaft, die sich streitet, beizutreten, wurde gehört.

Wir sind noch in der Osterzeit – allmählich legt sich die Erschütterung über die Geschehnisse der Versammlung vor einer Woche am Goetheanum. Was auf geistig-seelischer Ebene angeschaut, besprochen, erwogen werden sollte, wurde auf Vereinsmäßiges herabgezogen, teilweise politisch anmutend mit Zwischenrufen, Unruhe etc. Diese ungute Stimmung war mir schon im Februar, anlässlich der Schweizer Versammlung und Tagung, in Begegnungen entgegengetreten als Kritik, Gehässigkeit, Unwahrheiten, was mich sehr erschreckt hatte. So haben wir gleichzeitig mit dem Impuls, eine tragische frühere Trennung zu heilen – wofür ich sehr dankbar bin –, eine neue Trennung herbeigeführt in einer Mehrheitswahl, wobei der Begriff ‹Wahl› eigentlich nicht stimmt. Es sollte eine Zäsur, ein Wahrnehmen des Gelungenen und des Nicht-Gelungenen sowie der Möglichkeiten zukünftiger Richtung und Impulse sein – so verstehe ich eine Zäsur.

Was ist mit dieser Nichtbestätigung gewonnen? Ich sehe nur Verlust, das Vorgehen beschämt. [...]

Lernen wir in der Gesellschaft eigentlich nichts aus der Vergangenheit, mit den verschiedenen Konflikten? Können wir weiterschreiten? Können wir das ‹Geist-Besinnen im Seelengleichgewicht› weiterentwickeln zu Vertrauen, ohne das kein sozialer Zusammenhang leben kann? Haben wir dies bei der Eurythmie-Demonstration des zweiten Teiles im Grundsteinspruch während der Tagung genügend aufgenommen?

Dann soll das ungute Kritisieren verschwinden, Versammlungen werden wieder zu Begegnungen mit positiven Anregungen, mit viel Welt-Atem aus allen Ländern, wo Anthroposophie wirksam ist. Davon möchte man mehr hören. Und man könnte sich wieder freuen, dazuzugehören.


Zeitgenosse sein bedeutet, ein informierter Konsument zu sein

Zuschrift von Helga Nährer zu ‹Ökobescheinigungen und Scheinökologie› von Stephan Siber im ‹Goetheanum› Nr. 1–2, Januar 2018

Im Interview schilderte die Textildesignerin Cornelia Rösch am Beispiel vom hohen Holzverbrauch für das Färben, dass die Zertifizierung von Kleidung nur partiell ‹ökologisch› bedeute, weil die Bedingungen des Kapitalismus es weiterhin schwer machen würden, umfassend nachhaltig zu wirtschaften.

Ich schreibe als Käuferin von Ökokleidung und als ehrenamtlich Tätige in einem Weltladen, einem Fachgeschäft für Fairen Handel. Die Menschen in der Textil- und Bekleidungsindustrie wurden lange vergessen; Arbeiterrechte, gerechte Entlohnung, ökologische Maßnahmen und Transparenz entlang der gesamten Produktionskette – für all das steht der Faire Handel – können die bestehenden Strukturen schrittweise verändern. Baumwolle zählt zu den intensivsten Anbaukulturen mit einem immens hohen Verbrauch von Agrarpestiziden. 0,43 Prozent der weltweiten Baumwollproduktion ist biologisch. Auf Indien – einen der weltweit größten Baumwollproduzenten – entfallen davon 66,9 Prozent. Der Umstieg von Monokultur auf biologischen Anbau wird vom Fairen Handel gefördert. Durch den Verzicht von Pestiziden leben die indischen Bauernfamilien in einer gesünderen Umgebung. Sie erhalten gentechnikfreies Saatgut und werden im Biolandbau geschult. Durch das Bilden von Genossenschaften können sie als Kleinbauern stärker gegen die Saatgutkonzerne auftreten. Ein sicheres Einkommen verbessert ihre Lebenssituation und ermöglicht ihnen längerfristiges Planen.

ANUKOO ist die Modemarke der EZA (Begründerin des Fairen Handels in Österreich) und wird in Indien gefertigt. Die Näherinnen werden geschult und nähen an einem Stück von Anfang bis zum Schluss. Jedes Stück einer Kollektion (Sommer- und Winterkollektion) muss mindestens ein halbes Jahr, bevor es im Laden ankommt, vorgeordert werden. Dass ökologisches Produzieren kontrolliert bzw. bewiesen und zertifiziert werden muss, ist Teil einer verrückten Wirtschaft, in der wir wohl noch einige Jahre leben müssen. Wir Menschen sind Verbraucher der Erde und ihrer Ressourcen. Für uns als Konsumenten ist der Handlungsspielraum bereits sehr eingeschränkt – wir handeln mehr oder weniger ‹grau›, das heißt mit mehr oder weniger schädlichen Auswirkungen. Rudolf Steiners Forderung, ‹Zeitgenosse› zu sein, bedeutet auch, sich als Konsument zu informieren. Ich unterstütze den Fairen Handel, weil er achtsam mit Mensch und Natur umgeht, die Menschen hinter den Produkten sichtbar macht und aus einem moralischen Impuls entstanden ist.


Zeichnung: Philipp Tok