John Ralph: Meditation als Ausdehnung des sozialen Lebens

John Ralph: Meditation als Ausdehnung des sozialen Lebens

John Ralph unterrichtet seit 1988 Eurythmie und dehnte im Lauf der Jahre seine Lehrtätigkeit auf Themen der Heilpädagogik und Sozialpädagogik aus. Er lebt und arbeitet in der Camphill School Aberdeen. Vor Kurzem erwarb er einen Master of Research an der University of Aberdeen, und er ist Forscher in Erziehung und Sozialpädagogik. John hat seinen eigenen Ansatz zum Lernen durch soziale Eurythmie entwickelt. Zu seinen Interessen gehören Methoden der kollaborativen Meditationsforschung und die Frage, wie man ‹Sein› und ‹Tun› in der Sozial­fürsorge bewerten kann.


Synergetisches Labor

Heute treffen wir John Ralph. Er lebt und arbeitet in der Camphill School Aberdeen, Großbritannien. Er ist von jeher fasziniert von den Perspektiven und Einsichten am Rande der Körperwahrnehmung. In der Natur fand er erste Impulse für die innere Suche. Bereits seit seiner Schulzeit meditiert er.

Ab 1984 arbeitet er sich in die Anthroposophie ein, lebt und lernt in Camphill-Gemeinden. Seit 1988 ist er als diplomierter Eurythmist tätig, er unterrichtet verschiedene Themen der Heilpädagogik und Sozialpädagogik. John ist seit Kurzem ein aktiver Forscher in den Bereichen Bildung und Sozialpädagogik, wobei er Methoden zur Förderung der Selbstentwicklung in der Erwachsenenbildung erforscht.

Er erkannte die Wichtigkeit, mit nährenden Fragen zu leben. Sie lehrten ihn den Wert dessen, was er aus der meditativen Einsicht lernt und wie es über das hinausgeht, was er gelesen hat. Über das Erwachen der persönlichen Praxis hinaus war es für ihn sehr fruchtbar, mit anderen an signifikanten Fragen zu arbeiten. Die Fragen selbst sind der Schlüssel zu dem, was sich zeigen kann.

Wie können wir ein wahres Verhältnis zur Realität entwickeln, wenn wir uns den Überschwemmungen und Stürmen widersprüchlicher Informationen durch die Medien stellen? Welche meditativen Ansätze bringen uns näher an die Realität heran? Diese und andere Fragen sowie sein Interesse an Methoden der kollaborativen Meditationsforschung fanden ihren Niederschlag in seiner Tätigkeit im Forum für Meditation in der Forschung, einem synergetischen Forschungslabor.

Neben seinem Berufsleben spielt John gern traditionelle und Renaissancemusik auf Blockflöte und Pipe-and-Tabor (ein Instrument, bestehend aus einer Pfeife und einer kleinen Trommel).

Wie hast du angefangen zu meditieren?

Als ich noch zur Schule ging, hatte ich die Leere meiner limitierten, traditionell protestantischen Erziehung erkannt. Damals wohnte ich in einer ländlichen Gegend und wenn ich durch die Natur streifte, war mir klar, dass ich von mehr Leben umgeben war, als es meine Augen sehen konnten. Das stieß große Fragen an und seitdem habe ich nie aufgehört, Fragen zu stellen. – Es führte auch dazu, dass ich viele Bücher las. Zu dem Zeitpunkt war ich noch niemandem begegnet, der wirklich meditierte. Ich lernte nur durch Bücher. In meinen Zwanzigern traf ich schließlich solche Menschen, trat Gruppen bei und meditierte regelmäßig.

Warum meditierst du?

Ich bin voller Fragen. In der Meditation kann ich diese Fragen einfließen lassen und manche sogar beantworten, wenn ich es zulasse, dass die Fragen ihre eigene Richtung einschlagen. Zum Teil brauche ich Meditation, um überhaupt in der Lage zu sein, zu meditieren. Mit dem Alter hat sich meine Kapazität zu meditieren verändert. Als ich begann, konnte ich problemlos eine Dreiviertelstunde lang sitzen. Heute ringe ich mit mir um fünf Minuten. Man könnte sagen, dass es rückwärtsgeht. Umgekehrt passiert heute in fünf Minuten mehr als damals in einer Dreiviertelstunde. – Jetzt meditiere ich, weil ich anderen Menschen gegenüber Versprechen einhalte. Ich muss imstande sein, die Antworten auf die Fragen, die mir gestellt werden, zu finden. Die Fragen richte ich dann an mich selbst. Ich muss in der Position sein, anderen Personen helfen zu können.

Was ist deine grundlegende anthroposophische Meditation?

Der Kern meiner meditativen Praxis bildet die Punkt-Umkreis-Meditation, die Rudolf Steiner im ‹Heilpädagogischen Kurs› beschrieb. Meine innere Arbeit ist die Erforschung der Anthroposophie. Die Gruppe, der die Punkt-Umkreis-Meditation gelehrt wurde, bestand aus Ärzten und Menschen, die sich mit Kindern mit sonderpädagogischen Bedürfnissen auseinandersetzten. Diese Kinder haben nicht in das reguläre Bildungs- und Betreuungssystem gepasst. Sie verlangten nach spiritueller Einsicht und einem Verständnis dafür, warum sie auf dieser Welt sind und wie sie ihr wertvolles Potenzial während des irdischen Lebens erfüllen können. Diesen Menschen verhalf Rudolf Steiner zu vielen Erkenntnissen über die menschliche Verfassung. Er gab ihnen die Punkt-Umkreis-Meditation und sagte, wenn sie diese Meditation meisterten, würden sie aufwachen und die Polarität des menschlichen Seins erblicken. Sie würden die Polarität erkennen zwischen dem, was in ihrem Kopf, und dem, was in ihrem Stoffwechsel und ihren Armen und Beinen lebt.

Zum Einstieg gab er ihnen lediglich Sätze und überließ ihnen den genauen Wortlaut. Ich werde an dieser Stelle nicht den gesamten Prozess skizzieren können, aber schließlich fügte er den Sätzen noch Bilder hinzu. Für den Abend gab es jeweils einen Satz und ein Bild und für den Morgen wieder ein anderes Satz- und Bildpaar. In gewisser Weise ist der Morgen der spiegelverkehrte Abend, seine Umkehrung. – In dieser Meditation gibt es so viele Wege zu entdecken, Probleme und Fragestellungen zu verstehen, die spezifisch und mit der universellen Wechselseitigkeit verbunden sind. Es gibt einen Punkt, der keine räumliche Ausdehnung kennt. Es gibt einen Kreis, der nicht materiell, sondern von einer spirituellen und konzeptionellen Beschaffenheit ist. Die Arbeit mit dieser Meditation hat die Art meines Denkens verändert.

Ein unvergesslicher Moment der ‹Living Connections›-Tagung?

Am meisten sind mir die künstlerischen Auftritte im Gedächtnis geblieben. Viele nahmen uns mit an einen Ort des Hörens, es gab nichts zu sehen. Es gab Konzerte, bei denen ich den Musikern beim Spielen zusehen konnte, aber es gab Aufführungen, bei denen ich der Darbietung nicht visuell folgen konnte. Ich konnte lediglich zuhören. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich an das, was ich gehört habe. Die Erinnerungen an die Hörerlebnisse sind viel stärker als die Erinnerungen an das, was ich gesehen habe. Wenn ich meine Augen schließe, hat das Gehörte einen großen Eindruck auf mich gemacht.

Du bist Teil des Forum of Meditation in Research?

Die Teilnahme an diesem Projekt ist eine sehr wichtige Erfahrung für mich. Ich war mir anfangs nicht ganz sicher, was ich zu diesem Forschungsprojekt beitragen könnte. Seit vielen Jahren schon beschreite ich diesen Weg, selbstverständlich in Verbindung mit anderen Menschen. Aber bei diesem Projekt kannte ich die anderen Teilnehmer nicht. Es war sehr wichtig für mich, die Erfahrung zu machen, nicht dass ich anders war, sondern dass es möglich ist, sich Neuem auf viele verschiedene Arten zu nähern, die Einblicke in andere Menschen geben können. Ich würde nicht behaupten, dass meine Einsichten besser oder schlechter waren als die der anderen. Die eigenen Erfahrungen mit denen anderer zu vergleichen ist nicht sinnvoll. Interessant waren die Assoziationen, die aus dem Verstand, den Gefühlen, der Vorstellungskraft entsprangen, als man den anderen Teilnehmern zuhörte, während wir alle über die gleichen Fragen nachsannen. Jeder auf seine eigene Art und Weise.

Ein Rat für jemanden, der mit Meditation beginnen möchte?

Es ist einfacher, über die Gefühle zu reden, die einen auf dem Weg zum Meditierenden begleiten, als über die Erlebnisse, die man während der Meditation durchlebt.

Ich gebe immer den gleichen Rat, nämlich dass man am Anfang nichts falsch machen kann. Es ist allerdings sehr wichtig, seine Handlungen und die eigenen Gefühle dabei zu beobachten und zu prüfen. Einerseits wäre es zwar möglich, zu sagen, dass man Meditation gut beginnen kann und sollte, aber wer weiß schon, was für andere Menschen richtig ist? Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten. Ich würde vielleicht hinzufügen, dass es wesentlich ist, ein Bewusstsein für die entstehende Beziehung zwischen den Übungen und der Motivation für diese zu entwickeln. Ist es wirklich das, was ich tun möchte? Am wichtigsten ist das, was man bereit ist zu tun, und das, was sich während der Übung gut anfühlt. Meditation dreht sich nicht immer um das gute Gefühl dabei. Wenn man aber auf manche Übungen zurückschaut, bekommt man dann doch das Bedürfnis, sie weiterzuführen. In solchen Momenten kann man mutig sein und mit anderen sprechen, die auch meditieren. Es ist einfacher, über die Gefühle zu reden, die einen auf dem Weg zum Meditierenden begleiten, als über die Erlebnisse, die man während der Meditation durchlebt. Ich bin davon überzeugt, dass man seinen eigenen Pfad der meditativen Praxis suchen muss und diese Verantwortung nicht an jemand anderen abgeben kann. Egal, wie erfahren die Person ist. Ich biete immer bloß Anregungen und Ratschläge an und lade zur Meditation ein.

Möchtest du etwas hinzufügen?

Für mich war die Erkenntnis sehr bedeutsam, dass die Beziehung zur seelischen und spirituellen Welt auch die Beziehung zu anderen Wesen beinhaltet. Manche dieser Wesen tragen zu der eigenen Menschlichkeit bei und wieder andere stehen im Gegensatz zu der eigenen Menschlichkeit. Man muss sich einen Weg bahnen durch das Gesellschaftsleben, das aus der Verwandtschaft und tiefen Verbindung zu anderen, nicht immer menschlichen Wesen erwächst. Mein meditatives Leben ist eine Ausdehnung meines Soziallebens. Wenn ich Fragen stelle, antwortet mir ein anderes Wesen. Ich bin immer noch darin begriffen, diesen Teil meines Selbst zu erkennen, der mir diese Antworten gibt.


Übersetzung: Imogen Pare

Zeichnung: Nathaniel Williams