Neue Donauschule: Lernen durch Kunst

Neue Donauschule: Lernen durch Kunst

Die Kulturinitiative heimart.at hat in Neufelden bei Linz einen Ort der Begegnung geschaffen, an dem die Kunst und ihre Beziehung zum Denken gepflegt werden. Das Projekt Neue Donauschule – Lernen durch Kunstrichtet sich an Menschen, die sich für das Bewusstsein und seine Entwicklungsgeschichte interessieren.


Die Donauschule ist ein Kunststil, der sich am Ende des 15. Jahrhunderts entlang der Donau zwischen Regensburg, Passau und Linz entwickelt hat. Albrecht Altdorfer (1480–1538), Mathias Grünewald (1475/80–1528) und Lucas Cranach (1472–1553) zählen zu ihren bekanntesten Vertretern. Der sogenannte Strukturalismus in der Malerei Altdorfers deutet auf eine Vorgehensweise, welche über die Einzelerscheinungen hinaus durch die prozesshafte Naturwahrnehmung die Idee der Landschaft zur Erscheinung bringt. (1) Bei Lucas Cranach findet sich das Prinzip der Ganzheit im Malstil seiner Werkstatt wieder. (2) Am Übergang von der Spätgotik zur Renaissance bauen die Meister der Donauschule eine Brücke zwischen dem gotischen Andachtsbild und einer klaren, nüchternen Naturbetrachtung, die als Umwelt mit dem Innenleben des Menschen resoniert.

Wandel des Denkens

Als Innenleben bezeichnet die Psychologie das Denken, Fühlen und Wollen, wobei der Mensch ohne die Fähigkeit der Erinnerung geboren wird, welches für das denkende Bewusstsein die Voraussetzung ist. Die Lebenskräfte organisieren sich durch das noch weitgehend unbewusste Ich und bilden im Laufe der kindlichen Entwicklung die Grundlage für das Gedächtnis. Dabei spielt die Kinderzeichnung eine wichtige Rolle. (3) Das bewusste Verknüpfen von Gedächtnisinhalten ist in der weiteren Entwicklung die Voraussetzung für das Denken. Das bedeutet: Die der Natur und dem Denken zugrunde liegenden Lebenskräfte bilden das Gedächtnis, dem wir das Wissen um unsere Existenz (Entelechie) verdanken. (4)

Die Gedächtnis- und Bewusstseinsentwicklung ist nachvollziehbar, wenn wir die Kunst als Ganzes betrachten. Ausgehend von ihren Anfängen vor 40 000 Jahren (Venus von Willendorf) hat sie zur Entwicklung des Denkens beigetragen, das heute an eine Grenze stößt. Der Kulturphilosoph Jean Gebser (1905–1973) bezeichnet die Methode der Naturwissenschaft, der das archaische, magische und mythische Bewusstsein vorausgeht, als mentales Denken, das im 8. Jahrhundert vor Christus mit der griechischen Naturphilosophie seinen Anfang genommen hat. (5) Das mentale Denken begreift durch die Methode des Zählens, Messens und Wägens die Gesetze und Zusammenhänge der anorganischen Natur. Das Leben aber kann durch dieses in seiner Gehirngebundenheit unfreie Denken nicht erkannt werden. (6) Umgekehrt fordert die Idee der Freiheit, dass der Mensch die Naturbestimmtheit seiner Gedanken als einen End- und Ausgangspunkt auf dem Weg zum höheren Bewusstsein erkennt, das Gebser als das integrale Bewusstsein bezeichnet. (7) Der Kunstphilosoph Arthur Coleman Danto (1924–2013) hat daraus den Schluss gezogen: «Die Kunst ist insofern an ein Ende gelangt, als wir nicht in denselben Begriffen über sie reflektieren können wie davor. Und ein solcher tiefgreifender Wandel des Denkens ist nichts anderes als eine evolutionäre Veränderung.» (8)

 
 Albrecht Aaltdorfer, Donaulandschaft bei Regensburg mit dem Scheuchenberg, um 1528

Albrecht Aaltdorfer, Donaulandschaft bei Regensburg mit dem Scheuchenberg, um 1528

 

Ob wir das neue Bewusstsein als imaginatives, integrales oder interdisziplinäres Denken bezeichnen, es zielt der Begriff auf eine Methode, bei der das Lernen in Verbindung mit einem kreativen Prozess steht, den man auch als ‹Lernen durch Kunst› bezeichnen kann. Die menschenkundlichen Voraussetzungen des Bewusstseins werden dabei im Sinne Gebsers in einen kulturphilosophischen Zusammenhang gebracht, durch den die einzelnen Entwicklungsschritte des Denkens aufgezeigt werden können. An die Stelle der kollektiven Fremdbestimmung zur Zeit der alten Inspirationskulturen (Ägypten) tritt heute das Individuum mit seinem Streben nach Selbstbestimmung. Dadurch gewinnt der von Joseph Beuys (1921–1986) in die Anthropologie erweiterte Kunstbegriff im sozialen Leben an Bedeutung. (9) Der Gedanke der Erweiterung findet sich schon bei Goethe, indem die Kunst dasjenige zur Erscheinung bringt, was die Natur per se verbirgt. Es führt das vom Gehirn befreite Denken zur erweiterten Wahrnehmung, durch die der Begriff von innen betrachtet als ein Lebendiges erscheint. (10) Das ‹Lernen durch Kunst› verlangt so gesehen, anders als die Naturwissenschaft, nach neuen Methoden der organischen Zusammenschau, wie sie Beuys mit der Installation ‹Richtkräfte› und dem Auftritt der ‹Freien Internationalen Universität für interdisziplinäre Forschung› 1977 auf der ‹documenta› in Kassel exemplarisch dargestellt hat. (11)

Das integrale Bewusstsein führt ausgehend von einer Frage durch das Integrieren verschiedener Blickrichtungen zu einer Denkstruktur, die den rein mentalen Standpunkt überwindet zugunsten einer Sichtweise, die viele Aspekte zu einer lebendigen Einheit verbindet. An die Stelle von Entweder-oder tritt das Sowohl-als-auch. Das lebendige Bild entsteht durch die dem Denken zugrunde liegende Lebenskraft, welche es zu entdecken und auszubilden gilt. Dadurch kann es im Gespräch durch das gegenseitige Zuhören und Wahrnehmen der einzelnen Standpunkte in der Zusammenschau zu einer Bildgestalt kommen, welche das Natürliche wesenhaft zum Ausdruck bringt. Der statische Standpunkt der nominalistischen Philosophie kann überwunden werden, wenn das mentale Bewusstsein durch die integrale Zusammenschau ins Lebendige erweitert wird.

Integrales Bewusstsein

Voraussetzung für ein solches den Materialismus überwindendes Naturerkennen ist ein wesensgemäßes Menschenbild, dessen Ausgangspunkt die Erfahrung der Entelechie ist, mit der die aristotelische Philosophie das Ich des Menschen beschreibt. (12) In der Übersetzung bedeutet der Begriff: In sich Ziel haben. Er birgt in sich das Geheimnis, dass der Mensch die Gegensätze in sich vereint. Ziel und Weg vereinen sich in ihm wie Tod und Geburt. Der Mensch wird hier seinem Wesen nach auf das Ziel seiner Bestimmung ausgerichtet. In der Erfahrung des Todes im Denken erwacht der Mensch zu sich selbst, und dies ist der Beginn eines neuen Bewusstseins, das in der Lage ist, den Tod zu überwinden, weil das Ich als die Instanz des Schöpferischen, also des lebendigen Prinzips, gefunden ist. Das Ich und der Begriff erleben demnach ein ähnliches Schicksal. Ihnen gemeinsam ist das Leben, der Tod und die geistige Erweckung, durch die der Sinn des Lebens im Verstehen desselben entdeckt werden kann. Durch das Erlebnis der Innenwahrnehmung kann somit ein bewusstes Verhältnis zur Außenwelt entstehen. Dadurch wird Verantwortung möglich.

Ziel der Neuen Donauschule – Lernen durch Kunst ist es, die Evolution des menschlichen Bewusstseins durch ästhetische Ausdrucksformen der Kunst einer objektiven Betrachtung zu unterziehen.

Die Menschheit hat heute einen Bewusstseinsgrad erreicht, durch den sich das persönliche Lebensziel in den gesellschaftlichen Zusammenhang hinein erweitern kann. Nimmt er diese interdisziplinäre Herausforderung an, bildet sich das ‹integrale Bewusstsein›. Was heute noch durch den Begriff der Globalisierung einseitig im Wirtschaftsleben zutage tritt, deutet in eine solche Richtung der Bewusstseinstransformation. (13) In den sozialen Arbeitsfeldern (Geistesleben, Rechtsleben, Wirtschaftsleben) besteht die Notwendigkeit, dass der isolierte Standpunkt der egoistischen Selbstbezogenheit durch das Ich überwunden wird. Es ist dringend erforderlich, dass sich neue Arbeitsmethoden entwickeln, durch die der Erhalt und die Pflege der Lebenskräfte im Zentrum der Bemühung stehen. Die menschliche Entelechie, die sich durch das integrale Bewusstsein entwickelt, ist das zentrale Anliegen des anthropologischen Kunstbegriffs, der das sich selbst bestimmende Individuum zum Ziel hat.

Bildung ist für das menschliche Bewusstsein (Gedächtnis) eine Bewegung, die im Wechselspiel von Eindruck und Ausdruck fortwährend plastisch gestaltet. Wir haben es hier mit dem Atemprinzip als der Grundlage von Kunst und Erziehung zu tun. Wie in der Entwicklung das Zeitelement, so wirkt im Menschen der Wille als die treibende Kraft, die in der Naturüberwindung zur Freiheit strebt. (14) Das gilt sowohl für das einzelne Individuum wie auch für die Menschheit als Ganzes.

Ein europäisches Bildungsprojekt

Ziel der Neuen Donauschule – Lernen durch Kunst ist es, die Evolution des menschlichen Bewusstseins durch ästhetische Ausdrucksformen der Kunst einer objektiven Betrachtung zu unterziehen. Dabei sind die einzelnen Kulturepochen für die Entwicklung der Bewusstseinsgeschichte richtungsweisend. Wer die Idee der Kulturgeschichte in der von ihr geforderten Ganzheit zur Kenntnis nimmt, wird auf sich selbst verwiesen. Die Bewusstseinsgeschichte soll «den Menschen so durchdringen, dass er an ihnen Kräfte hat, die seine Erkenntnis leiten und die ihm bei den Aufgaben seines Daseins Berater und Helfer sein können». (15)

Die Neue Donauschule hat als ein europäisches Bildungsprojekt das Ziel, mit Hilfe der Kunst und der Philosophie zu einem grundlegenden Verständnis des menschlichen Bewusstseins und seiner natürlichen Grenzen zu kommen. Erst dann, wenn die eigene Entelechie zur Erfahrung wird, lassen sich in der freien Zusammenarbeit die Methoden entwickeln, durch die das mentale Bewusstsein in persönlicher und gesellschaftlicher Hinsicht überwunden werden kann.


(1) Christoph Wagner, Oliver Jehle (Hrsg.), ‹Albrecht Altdorfer – Kunst als zweite Natur›, Regensburg 2012, S. 17
(2) L. Cranach, ‹Meister, Marke, Moderne›, Museum Kunstpalast, Düsseldorf 2017, S. 248 ff.
(3) K.-H. Tritschler, ‹Prähistorisches und kindliches Zeichnen›, Erziehungskunst 12, 2007
(4) Rupert Sheldrake, ‹Das Gedächtnis der Natur›, 8. Auflage, Bern München, Wien 2000, S. 136 ff.
(5) Jean Gebser, ‹Ursprung und Gegenwart›, Bd. I, Schaffhausen 1978, S. 83 ff.
(6) Wie 5, S. 125 ff.
(7) Wie 5, S. 165 ff.
(8) A. C. Danto, ‹Die philosophische Entmündigung der Kunst›, München 1993, S. 237 f.
(9) V. Harlan, R. Rappmann, P. Schata, ‹Soziale Plastik – Materialien zu Joseph Beuys›, Achberg 1984
(10) J. Beuys, ‹Eintritt in ein Lebewesen›, in: ‹Soziale Plastik›, Achberg 1984, S. 123 ff.
(11) K.-H. Tritschler, ‹Richtkräfte der Erkenntnis›, in: ‹Das Goetheanum› 20, 2011
(12) J. Hirschleben, ‹Geschichte der Philosophie› Bd. 1, Lizenzausgabe für Komet ma-Service, S. 207 ff.
(13) G. Wehr, ‹Individuelle Transformation vor dem Horizont eines neuen Bewusstseins›, Petersberg 1996
(14) R. Steiner, ‹Philosophie der Freiheit›, GA 4, Dornach 1987, S. 145 ff.
(15) R. Steiner, ‹Die Rätsel der Philosophie›, GA 18, Dornach 1985 , S. 12

Nichts ist, wie es scheint

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