Zuschriften

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Zuschriften von Uwe Kienitz und Thomas Pickel zu ‹Bildungsfälschung› von Philip Kovce, ‹Goetheanum› Nr. 43/2018


[…] Sicherlich wäre es gut, wenn sich Kinder im Wesentlichen selbst erziehen dürften. Dafür brauchen sie aber einen dem Entwicklungsstand entsprechenden, in jeweils kindgerechter Weise vorgegebenen Rahmen resp. ein entsprechendes soziales Umfeld durch Erwachsene. Gibt es Erwachsene? Vermutlich nicht viele! Ich nehme mich da nicht aus. ‹Lebenslanges Lernen› auch in Form von Seminaren, Workshops, Coaching usw. ist durchaus sinnvoll, wenn die Schulungen in die inneren Schichten führen, wo ein (oft nur dem Alter nach) Erwachsener sich selbst und frei weiterentwickeln kann. Da kann man dann am eigenen Leben lernen, und das ist nicht nur komfortabel, aber sehr wirkungsvoll. Und es kann sehr wohl erwachsener machen, gerade wenn die Kindheiten, vorsichtig ausgedrückt, nicht so ganz optimal gelaufen sind, was nun leider nicht gerade selten ist. Insofern ist das Sterbenlernen gerade als Erwachsener eigentlich eine gute Sache. Denn es gibt Auferstehung, und die erst macht wirklich den Sinn!

Uwe Kienitz


Die Lektüre des Textes hat mich traurig-froh gemacht: traurig, weil ich mir sagen musste, dass diese Beschreibung der gegenwärtigen Bildungslandschaft zutreffend ist; froh, weil in diesem Text ein herrschender Missstand prägnant und klar benannt wird. […] Meines Erachtens steht am Ausgangspunkt dieser ‹verdrehten› Bildungspraxis das Selbstverständnis der Menschen, die sich selber als Homo oeconomicus deuten. Die Menschen orientieren sich an dem Selbstbild eines wirtschaftlichen Nutzenmaximierers. Dies führt dazu, dass sie zu schlauen, aber auch infantilen Egozentrikern werden. Besonders verhängnisvoll ist es, wenn dieses Selbstbild auf Kinder übertragen wird. Wenn die Kinder dazu verleitet werden, möglichst viele Kompetenzen zu erwerben und diese auf rationale Weise zu managen, führt dies zu einer Spaltung des kindlichen Erlebens. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Einheitlichkeit des Erlebens durch den Medienkonsum massiv bedroht ist. – Es gilt also, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Kinder wieder als Kinder angesprochen werden können und unter denen individuelle Bildungswege möglich sind. Und vielleicht müssen wir neu lernen, in Gesprächen unter Erwachsenen auf erwachsene Weise zu sprechen und zuzuhören.

Thomas Pickel


Der Artikel von Philip Kovce können sie hier lesen

Foto: Evgeniy Isaev

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