Engel über Europa: Rilke als Gottsucher

Engel über Europa: Rilke als Gottsucher

Im September feierte der neue Dokumentarfilm von Rüdiger Sünner über den Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926) in Berlin Premiere.


Sein neustes Werk sei, so Sünner auf dem Podium vor Filmbeginn, der erste Film überhaupt über Rilke. Das verwundert. Literarisch ist Rilke erst kürzlich prominent in Bestsellerlisten vertreten gewesen – etwa in Florian Illies ‹1913› oder Klaus Modicks ‹Konzert ohne Dichter›. In beiden Werken wird Rilke nicht als «Gottsucher», wie bei Sünner, sondern süffisant und zynisch überspitzt als selbstverliebter Träumer und platonischer Frauenheld dargestellt. Sünner interpretiert Rilke wenig; er befragt. Er geht auf eine individuelle Spurensuche und scheut sich dabei nicht, sich selbst als Sucher auf der Gottessuche Rilkes zu thematisieren. Insbesondere werden Rilkes Orte in der Schweiz gezeigt. Das ergibt ‹lang-weilige›, ruhige, ästhetisch unspektakuläre Bilder, ohne Hast oder überladene Symbolik: Häuser, Gassen, Farnblätter im Gegenlicht, Talansichten, Wasserfälle. Jedoch sind es auch relativ wenig kreative Sujets und Kameraeinstellungen, die aber einen meditativen Raum mit Atem eröffnen. Das wiederum ist spektakulär. Das empfinden zu können, entsteht nur eigenaktiv und innerlich im Zuschauer, wenn er sich dem Erzählstrom ganz hingibt. Dieser Mut zur Langsamkeit und ein Bekenntnis – wie es auch ein Zuschauer am Ende lobend anmerkte – an das Stillleben ist tragendes Element. Zum Beispiel Rilkes Russland- oder Ägypten-Reise, zu denen es kein neues Filmmaterial gibt, werden stilistisch mit Fotografien wie Stillleben zur Erzählerstimme inszeniert. Die Fotos der Protagonisten werden auch mal in München im Rasen platziert, vor dem damaligen Wohnhaus, etwa von Georges, Marc oder Steiner, die Rilke kannte oder welche ihn inspirierten. Das ist visuell interessant gelöst und passt zu Rilke, bei dem vieles still scheint, in dessen Werk und Biografie man schwer extrovertierte Krisen und Dynamiken erkennen kann.

Im Film fehlt aber eine klar motivierte Geschichte: Was will genau erzählt werden? Eine persönliche Reise des Filmemachers zu Rilke? Denn so beginnt der Film: in der Verarbeitung der Beziehung des Regisseurs zum Vater, der Rilke liebte und oft zitierte. Diese Rilke-Liebe konnte der junge Sünner nie mit dem autoritären Gebaren des Vaters zusammenbringen. Aber dieser mögliche rote Faden durch den Film wird nur einmal wieder aufgegriffen und verläuft. Stattdessen eine ausführliche, aber nicht eingeführte Schilderung des Leukämieleidens der jungen Tänzerin Wera Knoop, welches Rilke zu ‹Sonette an Orpheus› inspirierte. Kurze Zeit später erkrankte Rilke selbst an Leukämie.

Eine Schlüsselszene zeigt Rilke in Cordoba, nach spiritistischen Erlebnissen erneut herausgefordert, wie er sich zu Gott, unabhängig von etablierten Religionen oder esoterischen Gruppierungen stellen soll, wie er den Koran für sich entdeckt und «staunt und staunt». Er ist schockiert darüber, wie die katholische Kirche die ursprüngliche Moschee der spanischen Mauren verunglimpft hat. Er findet Gott nur in einer freien, für damals sehr modernen, aufgeschlossenen Spiritualität, in der Natur und in mythologisch verhauchten Zeilen. Schließlich, das zeigt Sünner sehr überzeugend, befreit er sich von der katholischen Erziehung und erkennt – als schwebender Geist, der das Höhere fühlt, aber nur im Selbstgespräch greifen kann, der weder örtlich noch in Frauenbeziehungen längere Verbindungen eingehen kann – über seine Mission: «Diese nicht mehr von Menschen aus, sondern im Engel geschaute Welt ist vielleicht meine wirkliche Aufgabe, wenigstens kämen in ihr alle meine früheren Versuche zusammen.»

Er findet Gott nur in einer freien, für damals sehr modernen, aufgeschlossenen Spiritualität, in der Natur und in mythologisch verhauchten Zeilen.

Stark bleibt vom Film der Eindruck des Sprechers Hans-Peter Bögel, welcher immer wieder Rilkes Gedichte einspricht. Obwohl gut überliefert ist, wie Rilke seine Gedichte rezitierte – selbstvergessen, brummelnd in seinen Schnäuzer, dennoch mit lauter Stimme, voller Pathos und Seele –, liest Bögel nüchtern, aber getragen, nachhorchend in die Zeilen hinein, fast fragend. So kann man Rilke, völlig überraschend, neu entdecken. Der Film als visuelles Werk bleibt dagegen seltsam blass und konturlos. Entscheidend entpuppt sich weniger der Inhalt (die Bilder) des Filmes als seine Machart: die Fragehaltung. Die Suche, das ruhige Annähern und Offenlassen dessen, was sich im Phänomen Rilke als spirituelle Kraft alles verbirgt, ist beeindruckend und erscheint als das Wesentliche, das Erstaunliche und Moderne des Films. Im Vergleich zur heutigen lauten, schnellen Welt ist es fast schon ein Wunder. Der eigentliche Gottsucher im Film ist Sünner.


Rüdiger Sünner, ‹Engel über Europa – Rilke als Gottsucher›, auch auf DVD erschienen bei Absolut Medien oder als Buch zum Film im Europa-Verlag.

Titelbild: Rilke im Studio al Ponte (Rom, 1904)

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