Bildungsfälschung - Eine Richtigstellung

Bildungsfälschung - Eine Richtigstellung

Wir leben heute in einer Zeit, die Erwachsene nicht mehr erwachsen und Kinder nicht mehr Kinder sein lässt. Im Gegenteil: Wir behandeln Kinder inzwischen vermehrt wie kleine Erwachsene und Erwachsene vermehrt wie große Kinder – zulasten beider: der Erwachsenen und der Kinder.


Wer Kinder im Kindergarten und in der Schule nicht mehr spielen und auch scheitern lässt, sondern jeden Entwicklungsschritt in eine ‹Kompetenz› übersetzt, die nicht nur gekonnt, sondern auch noch gemessen und verbessert werden soll, der setzt an die Stelle des individuellen Bildungsweges eine abstrakte Bildungsplanwirtschaft, mit der sich viel Geld ein- und noch mehr Geist austreiben lässt. Kinder werden heute wie Kunden bedient – als ob sie nicht selbst lernen und ihren je eigenen Bildungs-, ja, Lebensweg finden könnten! ‹Lebenslanges Lernen› ist wiederum eine Phrase, mit der Erwachsene zu großen Kindern verzogen werden, die in Trainings, Workshops, Coachings etc. ‹soziale Kompetenzen› bilden sollen – als ob sich soziales Leben in ‹asozialen› Situationen simulieren ließe!

Überhaupt führen der infantile Erwachsenen- und der senile Kindesmissbrauch zu einer Entfremdung, ja, zu einem Wirklichkeitsverlust, indem genau das, was sich individuell entwickeln und also im besten Sinne bilden würde, der Wirklichkeit entrissen, dem Leben entfremdet wird, um schließlich als totes Hirngespinst, als ‹asoziale Kompetenz›, gelehrt und gelernt zu werden. Anstatt dass das Leben uns lehrt, wer wir sind, belehren wir das Leben mit dem Tod. Diese Bildungsfälschung raubt Kindern die Kindheit, Erwachsenen die Mündigkeit und dem Leben den Sinn.


Titelbild von Evgeniy Isaev

Sie scheint mit geschlossnen Füßen zu gehen

Sie scheint mit geschlossnen Füßen zu gehen

Zuschrift

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