Aus der Kraft des individuellen Ich

Aus der Kraft des individuellen Ich

Eine Rezension des Buchs ‹Rudolf Steiner und die Meister des esoterischen Christentums› von Sergej O. Prokofieff.


Das posthum erschienene Werk ‹Rudolf Steiner und die Meister des esoterischen Christentums› war ein Herzensanliegen von Sergej Prokofieff. Über Jahrzehnte hat Prokofieff an dieser Thematik gearbeitet. Schon in dem Buch ‹Der Osten im Lichte des Westens› (Teil III, 1997) findet sich eine eingehende Betrachtung zu führenden Eingeweihten der Menschheit. In dem nun vorliegenden Buch werden sieben Meister in ihrem Zusammenhang mit Rudolf Steiner dargestellt: Manes (Parzival), Zarathustra (Meister Jesus), Skythianos, Gautama Buddha, Bodhisattva Maitreya, Novalis (Johannes der Täufer) und Christian Rosenkreutz (Lazarus-Johannes).

Es ist Prokofieff gelungen, einige tiefe esoterische Fragestellungen in Bezug auf diese Individualitäten und ihr Verhältnis zur Anthroposophie Rudolf Steiners zu erhellen. Auch das Besondere und Zukünftige der Einweihung Rudolf Steiners wird plastisch herausgearbeitet. Ich greife hier nur ein paar Einsichten auf, die mir wesentlich erscheinen.

Zur Bodhisattva-Frage: Was wurde nicht schon über diese Frage – Wer war der Bodhisattva des 20. Jahrhunderts? – gestritten und spekuliert. Prokofieff macht die Weite und Vielschichtigkeit der Fragestellung deutlich und kommt zu der ehrlichen Einschätzung: «Im Ganzen gesehen kann man den Eindruck haben, dass in unserer Zeit die geistige Welt selbst keine erschöpfende Antwort auf die Frage ‹Was ist ein Bodhisattva?› geben will, um damit den dichten Vorhang des Geheimnisses zu lüften, das diese Wesenheiten, und den Maitreya Bodhisattva insbesondere, in der geistigen Welt umgibt. Der Grund dafür mag darin bestehen, dass die eigentliche Aufgabe des Bodhisattva Maitreya nicht unsere Zeit betrifft, sondern erst in fünftausend Jahren erfüllt werden wird und alle seine Inkarnationen vor dieser Zeit, ungeachtet der bedeutenden Impulse, die von einer solch hohen Individualität ausgehen mögen, nur einen vorbereitenden Charakter haben können.» (s. 92)

Vor diesem Hintergrund kann Prokofieff deutlich zeigen, dass Rudolf Steiner nicht der Bodhisattva war, dass er aber gleichwohl in der Aufgabenstellung des Bodhisattvas des 20. Jahrhunderts – Verkündigung des im Ätherischen wiederkommenden Christus – intensiv gewirkt hat. Eine ähnlich klärende und eindeutige Unterscheidung macht Prokofieff in Bezug auf Rudolf Steiner und Zarathustra (Meister Jesus) nachvollziehbar – zwei verschiedene Individualitäten, die immer wieder, bis heute, von Anthroposophen miteinander identifiziert wurden.

 
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Ein Grundgedanke Prokofieffs, den ich für sehr anregend und fruchtbar halte, sind die «drei Rufe» in der Menschheitsentwicklung, von Vater, Sohn und Heiligem Geist (s. 142 ff.). Diese drei Zeitalter machen eine differenzierte Erkenntnis der verschiedenen Arten von Einweihungen der führenden Meister des Christentums möglich. Alle alten Einweihungen bis zur Zeitenwende standen gewissermaßen im Zeichen des Vatergottes. Mit der Erweckung des Lazarus begann das Zeitalter der Einweihungen im Zeichen des Sohnes (wobei der Vorläufer Johannes der Täufer hier auch eine entscheidende Rolle spielt). Und schließlich arbeitet Prokofieff heraus, dass mit der Einweihung Rudolf Steiners ein neues Zeitalter begonnen hat – die Zeit des Heiligen Geistes. Rudolf Steiners Individualität wird als eine junge Seele erfahrbar gemacht, die durch ganz reguläre Inkarnationen den Gang der Menschheit mitgemacht hat (Aristoteles, Schionatulander, Thomas von Aquin), um als Rudolf Steiner erstmals aus der Kraft des individuellen Ich eine Einweihung zu erringen. Diese Einweihung ging damit einher, dass Rudolf Steiner wohl als erster Mensch Träger eines Abdrucks des Ich des Christus Jesus wurde (s. 153).(1) Nach und nach sollen immer mehr Menschen in den nächsten Jahrtausenden einen solchen Ich-Abdruck des Christus in ihr Wesen aufnehmen. Die Anthroposophie ist ein Weg hierzu, den jeder individuell beschreiten kann.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass Prokofieff eine okkulte Wesensschicht Rudolf Steiners enthüllt in dem innigen Zusammenklang von vier Wesenheiten: Michael, Widar, der nathanischen Seele und Rudolf Steiner. «Zunächst erhob sich Michael im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von der Stufe eines Erzengels auf die eines Archè. Dann übernahm Widar den frei gewordenen Platz in der Hierarchie der Erzengel: Seinen inneren Qualitäten nach gehörte Widar seit Langem zur Hierarchie der Erzengel, entschied sich jedoch opfervoll, für eine gewisse Zeit auf seinen Aufstieg zu verzichten, und wirkte bis zu diesem Moment im Kosmos als ein Wesen im Rang eines Engels. Schließlich erreichte die nathanische Seele, nachdem sie durch die Wiederholung des Mysteriums von Golgatha im 19. Jahrhundert hindurchgegangen war, die Engelstufe aufgrund ihres zweiten Todes und der erneuten Auferstehung. Seit dieser Zeit ist sie das erste menschliche Wesen, das die Engelstufe erreichte.» (s. 258) Prokofieff sieht im Zusammenhang mit diesen drei Wesen den «größten christlichen Eingeweihten unserer Zeit», der ein individueller Träger der Mysterien des ätherischen Christus wurde: Rudolf Steiner (s. 259).(2)


Sergej O. Prokofieff, Rudolf Steiner und die Meister des esoterischen Christentums, Verlag am Goetheanum, Dornach 2018, 355 Seiten.Preis: 40 €/50 CHF

(1) An dieser Stelle möchte ich für weitere Forschungen anmerken, dass Prokofieff eine Inkarnation der Individualität Rudolf Steiners nicht berücksichtigt: den in die ephesischen Mysterien eingeweihten Kratylos, der sich schnell wieder inkarnierte und als Aristoteles wiederkam. Siehe hierzu meinen Aufsatz ‹Kratylos und Rudolf Steiner›, in ‹Die Sozialgestalt der Weihnachtstagung›, Verlag des Ita-Wegman-Instituts, 2014.
(2) Natürlich besteht hier die Gefahr, sich den ‹Aufstieg› von geistigen Wesen zu schematisch vorzustellen, als ob Geistentwicklung in einem ‹bloßen› hierarchischen Nachrücken bestehe. Siehe hierzu ergänzend ‹Aus Widars Wirken›, Hamburg 2014, sowie meinen Aufsatz ‹Wer ist Widar?›, in ‹Die Drei›, 7–8/2018.

Titelbild zeigt Sergej O. Prokofieff

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