Hundert Prozent

Hundert Prozent

Zeichenunterricht mit einer Zwölftklassgruppe im Estrichzimmer unserer Schule, das im Laufe der Jahre recht gammlig geworden ist. Man plaudert. J.-A., eine Schülerin, fragt mich ...

— Sind Sie eigentlich hundertprozentig ein Anthroposoph?

— Also ich habe in meinem Leben durch viel Nachdenken, Selbstbeobachtung und Beobachtung anderer Menschen und auch der Natur zu der Gewissheit gefunden, dass das Essenziellste an jedem Menschen und an mir etwas Inneres ist, das allem anderen, allem Äußeren vorangeht und Ursprung davon ist. Ich gehe also zu hundert Prozent davon aus und lebe damit, dass Geistiges allem Äußeren, allem Sinnlich-Wahrnehmbaren, allem Materiellen zugrunde liegt. Dabei verdanke ich der Anthroposophie ziemlich viel.

— Sie meinen also, im Grund sei der Dreckboden in diesem Zimmer hier geistig?

— Ja, das ist ganz sicher und ganz leicht nachzuvollziehen. Der Boden ist ja Teil des Hauses und jedem Haus geht eine Planung, eine Idee voraus, nach der es dann gebaut wird. Der Grund für den Boden ist also geistig.

— Aber der Boden selbst, die Bretter hier sind doch nicht geistig, sondern materiell. Wir stehen darauf, Dreck liegt darauf und die Bretter tragen uns.
Es wären aber keine Bretter, wenn wir sie nicht zu Brettern machen würden, und sie würden uns nicht tragen, wenn wir sie nicht zu Tragenden machen würden. Immer ist unser Geist die Ursache für das, was wir hier um uns vorfinden.

— Klar haben andere Menschen diese Bretter hierher gebracht, damit sie uns tragen. Aber jetzt, wo sie da sind, meine ich, sind sie ohne unser Dazutun tragende Bretter. Sie tragen uns genauso, auch wenn wir keinen Geist dafür aufwenden. Es braucht jetzt keinen Menschen dazu, dass die Bretter da sind.

— Sie meinen, dass die Bretter und das Zimmer und das Schulhaus und die Landschaft und die Welt ein Sein haben, auch ohne dass es ein Geistiges gibt, das all dies im Sein hält?

— Ich meine das Materielle, den Dreck, was einfach physisch da ist, was sich nicht verändert, fertig. Es ist alles vielleicht einmal geistreich entstanden, aber wenn es fertig ist, ist es einfach da. Das muss man doch akzeptieren. – Vielleicht steckt Energie drin, von mir aus. Meinen Sie vielleicht, dass alles Energie ist? Atomare Schwingung und so?

— Nein, geistlose Energie meine ich nicht. Ich spreche von lebendigem Geist und meine tatsächlich, dass die Bretter, das Zimmer, das Haus, die Landschaft nicht sind, also kein Sein und kein Bewusstsein haben außerhalb des menschlichen Bewusstseins. (Oder ein frostiges, leeres, totes nur.) Das Geistige des menschlichen Bewusstseins, der Kern, bringt alles hervor und hält es im Leben. Es ist alles begründet auf ‹Kernenergie›, aber das heißt: ‹Ich-Kern›-Energie.

— Atomkraft, nein danke.

— Genau. Aber: Ich-Kernkraft: ja, danke schön! Das ist aktive Schöpferkraft.

— Halten Sie sich eigentlich für Gott?

— In gewisser Weise als Teil von Gott schon. Vor allem aber als Menschen. Wie Sie.

— Ich glaube aber nicht, dass ich die Welt erschaffen kann. Ich habe nicht einmal mich selbst gemacht, das waren meine Eltern. Auch die haben mich nicht gemacht. Die Natur, die Erbgesetze, die Wachstumsvorgänge haben mich gemacht. Das Leben ist ein Wunder, mein Körper ist es auch. Er ist mir fremd, es geschieht mit mir.

— Ja, und irgendwann sterben wir, und die Leiche hat dann wirklich sehr wenig mit uns zu tun, sie wird sehr fremd sein. Der Körper ist eine Hülle, solange wir leben. Es ist die Frage, womit wir uns identifizieren. Was ist es, was mich ausmacht? Wo, wann bin ich ‹ich›? Bin ich mein Denken, mein Fühlen, mein Wollen? Dort nur bin ich ganz ich, wo ich ganz will, ganz im eins sein will. Und wenn ich ganz und gar dort angekommen bin – es geschieht öfters und selbstverständlicher, als es jetzt klingt – dann gibt es auch das Erlebnis, dass zugleich noch ‹ein anderes› will. Das Wahrnehmbare. Das sowohl sinnen- wie geistseits Erfahrbare. Das bin nicht ich, aber es ist ein Wollendes. Das sind dann die großen Götterkräfte oder ist Gott. Es ist das, was ich zu Brettern, zu Dreck, zum Zimmer, zum Schulhaus, zur Landschaft, zur Welt machen kann mit meinem schöpferischen Bewusstsein.

— Die Bretter hier sind also Gott!?

— Ja und das Zimmer ist gerade recht heilig geworden.

In Wirklichkeit antwortete ich auf J.-A.’s Frage: Mehr als hundertprozentig!


Bild: Aquarell, Schülerarbeit, Rudolf-Steiner-Schule Birseck, 2018

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Inmitten von Fragilität und Intensität

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Marcel Duchamp ‒ 100 Fragen. 100 Antworten.

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