Was tut die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft?

Was tut die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft?

Das Buch ‹Goetheanum – Freie Hochschule für Geisteswissenschaft: Geschichte und Forschung der Sektionen› schließt eine Lücke in der Dokumentation zu den Aktivitäten des Goetheanum. Als Herausgeberinnen fungieren Christiane Haid, Constanza Kaliks und Seija Zimmermann, die alle drei zur Zeit der Veröffentlichung das Leben der Hochschule am Goetheanum aktiv mitgestaltet haben.


Das Buch versteht sich als Ausdruck der Zusammenarbeit der Mitwirkenden in der Goetheanumleitung, in der Sektionsleitung und im Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft sowie mit den Mitgliedern der Freien Hochschule, wobei die Texte von Verantwortlichen der Sektionen geschrieben wurden. Es ist der Versuch, eine Brücke von den Gründungsimpulsen Rudolf Steiners bis in die Gegenwart zu schlagen und somit eine Möglichkeit zu schaffen, sich eigenständig mit dieser Tätigkeit zu verbinden, auch wenn eine direkte Zusammenarbeit oder Teilnahme an Veranstaltungen nicht möglich ist. So wird nicht nur mehr Transparenz geschaffen, sondern auch eine Grundlage gegeben, auf der sachlich an diese Arbeit angeknüpft werden kann.

In ihrer Einleitung ‹Zur Geschichte der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft› erhellt Christiane Haid die Gründungssituation und die Entwicklung dieser als Herzorgan geschaffenen Einrichtung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Als Entwicklungsimpuls gesetzt sollte sie unterschiedliche Interessen miteinander verbinden. Die eine Richtung besteht in der Begründung einer Hochschule, die einen allgemeinbildenden Charakter haben und als Ergänzung zu den berufsbildenden Einrichtungen des öffentlichen Kulturlebens gelten könnte. Hierfür wäre jedoch eine Anerkennung als öffentliche Bildungseinrichtung erforderlich. Die andere Richtung ist die Schaffung einer Einrichtung zur Vertiefung der individuellen und gemeinschaftlichen rosenkreuzerischen Arbeit. Diese steht unter der besonderen Obhut der von Rudolf Steiner als Erzengel Michael dargestellten geistigen Wesenheit. Sie ist nicht Ausdruck von persönlich-menschlichen Ansichten, sondern knüpft an die christliche Tradition eines Gesprächs mit dem Göttlichen sowie der Erkenntnis der Tätigkeiten geistiger Wesenheiten an. Als Grundlage gilt, die Einsicht in die geistige Natur der menschlichen Wesenheit zu erlangen.

Es wird sofort deutlich, dass sich diese Impulse sowohl in der Zeit Rudolf Steiners als auch in der Gegenwart nicht ohne Weiteres miteinander verbinden lassen. Es mag bemerkenswert erscheinen, dass es erst Ende der 1980er-Jahre, also mehr als 60 Jahre nach der Gründung, gelungen ist, die Arbeit der Sektionen so auszubauen, wie sie an der Weihnachtstagung 1923/24 intendiert worden ist. Andererseits ist der Grund auch deutlich. Erst durch den Boom der Waldorfschulen und des Interesses an Anthroposophie seit den 1970er-Jahren gab es genügend Mitglieder und finanzielle Mittel, um diese Arbeit einzurichten. Das Goetheanum ist eine der wenigen mitgliederfinanzierten Bildungseinrichtungen der Welt. Sie versteht sich dabei als öffentliche und keineswegs als kommerzielle Institution.

Die aktuelle Publikation macht deutlich, wie sehr es auf jeden einzelnen Menschen ankommt, der sich für diese Anliegen engagiert.

In den Darstellungen zu den Sektionen werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Es wird deutlich, dass die Sektionen selbst als eine Art Netzwerkknoten funktionieren, da die inhaltliche Arbeit nicht nur am Goetheanum konzentriert ist, sondern dezentralisiert überall dort stattfindet, wo Menschen in geistiger und menschlicher Verbindung zu diesen Anliegen aktiv sind. Damit wird ein drittes Anliegen sichtbar, das darin besteht, raumübergreifend zu arbeiten und Menschen zu verbinden. Leider konnte die Sozialwissenschaftliche Sektion keinen Beitrag zu der Dokumentation leisten, da sie sich damals in einer Umstrukturierung befand.

Angesichts der Fülle der Anliegen und Herausforderungen bietet das Buch eine anregende und Einsichten ermöglichende Vielfalt, die in der Zusammenschau deutlich auf ein größeres Ganzes verweist. Es bleibt der Eindruck, dass die anthroposophische Bewegung mit ihren Anstrengungen zur Umsetzung dieser vor allem von Rudolf Steiner sichtbar gemachten Entwicklungsaufgaben sowohl deutlich weitergekommen ist als auch sich noch mitten in der Ausarbeitung und Umsetzung dieser Anliegen befindet. Die aktuelle Publikation macht deutlich, wie sehr es auf jeden einzelnen Menschen ankommt, der sich für diese Anliegen engagiert.

Die Erfordernis, sich auf jeden engagierten und der Sache verbundenen Menschen einzulassen und abzustützen sowie diesen nach Möglichkeit in die Arbeiten einzubeziehen, bedingt eine enorme Sozialkompetenz. Darin wird eine vierte Dimension sichtbar. Denn es geht nicht zuletzt darum, ‹soziale und antisoziale Triebe› und Erkenntniserfordernisse zu umspannen und fruchtbar zu machen. So kann dieses Buch auch als Ausdruck dieses Strebens nach Zusammenarbeit gelesen werden.


Goetheanum – Freie Hochschule für Geisteswissenschaft Verlag am Goetheanum, 2017, 272 Seiten, 46 CHF

Zuschrift: Das Selbst ist doch unvergänglich

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