Waldorf in China: Am eigenen Kulturerbe anknüpfen

Waldorf in China: Am eigenen Kulturerbe anknüpfen

In den letzten 14 Jahren sind in China 370 Waldorfkindergärten und 80 Waldorfschulen gegründet worden. Das klingt nach viel. Verglichen mit der Größe des Landes ist es ein geringer Anteil.


Li Zhang, heute in der Waldorferzieher­ausbildung tätig und chinesische Abgeordnete des internationalen Waldorfverbands IASWECE, erzählt, dass diese Gründungen ausschließlich von Eltern hervor- und vorangebracht wurden. ­Eltern, die für ihre Kinder Alternativen suchten, in denen sie gesünder und ausgewogener erzogen werden. Die Eltern kultivieren die Waldorfbewegung in China.

Die Waldorfpädagogik hilft China, so Li Zhang, an sein eigenes Weisheits- und Kulturerbe anzuknüpfen, aber das im Zusammenhang mit der Menschheit. Sie hilft auch, die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern weiterzuentwickeln. Früher wurde das Kind als Eigentum der Eltern aufgefasst, nicht als Individualität. Auch die Regierung hat das heute noch nicht auf ihrer Agenda. Der ‹alte Lehrer› war autoritär. Heute lernen chinesische Kinder, sich für sich und aus sich selbst heraus zu bilden, aus ihrem Interesse und ihrer Liebe zu einer Sache und nicht mehr für jemand anderen.

Eltern und Lehrer schätzen einander und unterstützen sich sehr. China ist gut im gemeinschaftlichen Arbeiten, weil man sich das gemeinsame Motiv immer wieder ins Bewusstsein ruft. Da es in China keine systematischen Lizenzierungen für Waldorfschulen gibt, müssen Eltern und Lehrer gut zusammenarbeiten, um eine Schule zu verwirklichen, angefangen von der Finanzierung bis hin zu den Räumlichkeiten.

«We have a lot of ‹togethers› in our Waldorf community», sagt Li Zhang. Dieses ‹Gemeinsame› betrifft auch den Bereich der Begriffsbildung. Um mit der Menschenkunde wirklich zu arbeiten, müssen Begriffe ‹hinübergesetzt›, so durchgearbeitet werden, dass sie in der chinesischen Seele leben können. Diese Arbeit empfinden die Waldorflehrenden als sehr verlebendigend. Auch der Umgang mit den staatlichen Regelungen, aus denen sich eine Waldorfschule in China nicht befreien kann (es gilt für sie von der 1. bis zur 9. Klasse das staatliche Curriculum) ruft nach Kreativität. Man muss Wege finden und Freiräume, damit die Menschenkunde darin leben kann. Diese aus den spezifischen Bedingungen in China sich ergebenden ‹Inkarnationsbewegungen› der Waldorfpädagogik könnten interessant sein für Länder, in denen sie schon 100 Jahre alt ist. Ein weiterer Aspekt gehört vielleicht noch dazu. «Das Gruppenbewusstsein ist in China verglichen mit Europa groß. Darin wacht nun die Individualität auf», beschreibt Li Zhang. Hier liegt ebenfalls eine interessante Möglichkeit, Qualitäten für unsere soziale Zukunft zu erforschen.


Foto: Xue Li

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