Annie Lavoisier: Die Erde als Dichter bewohnen

Annie Lavoisier: Die Erde als Dichter bewohnen

Annie Lavoisier ist Harfenistin des Belgischen Nationalorchesters, Professorin am Königlichen Konservatorium von Brüssel und Teil des Ensembles Oxalys und Ictus.


Was machst Du gerade auch noch? Ich schreibe, ich male, ich tanze. Ich suche die poetische Geste in allen Dingen, auch im Alltag. Wie bewohnt man die Erde als Dichter? Wie kann man Begeisterung weitergeben, verbreiten?

Was macht Dich lebendig? Den kreativen Prozess fühlen, der in mich eindringt wie eine sprießenden Quelle. Daraus entsteht der Wunsch, sich in Bewegung zu setzen, zu erkennen, zu handeln, jederzeit neue Möglichkeiten zu erschaffen.

Woran bist Du zuletzt aufgewacht? Am Humor, an seiner Macht über uns, seinem universellen und doch kulturell geprägten Charakter, seiner therapeutischen Rolle. An Malerei, die es ermöglicht, eine Geste zu fixieren, für einen Moment festzuhalten und durch Materie zu sublimieren. Eine andere Erfahrung als Musik, die sich in einem unsichtbaren Raum der Stillezeit entfaltet wie ein Strom, der nicht zurückgehalten werden kann.

Welches Werk hat Dich beeindruckt? ‹Mysterium› von Alexander Skrjabin, das ich mit dem Belgischen Nationalorchester in Brüssel gespielt habe. Oder eher, die Umrisse dieses grandiosen Projekts, das der Komponist niemals vollendet hat und von dem er glaubte, dass es die Menschheit durch die Kraft von Musik und Farben verändern könnte.

Wofür bist Du dankbar? Dafür, dass ich ab dem 6. Lebensjahr dazu gebracht wurde, Musik zu lernen, was meiner schwierigen Kindheit einen Weg der Resilienz bot und mich Geduld und eine gewisse Form von Mut entwickeln ließ. Dadurch konnte ich auch die Macht der nonverbalen Sprache entdecken, die eine seelische Gemeinschaft ermöglicht.

Wie hat Dich zuletzt eine fremde Kultur berührt? Durch Tango entdeckte ich die argentinische Kultur und diese Suche nach Verbindungen von Bewegungen, die einen Dialog schaffen. Und Ungarn, wo ich mit der Gruppe von Napùt Akademia male.

Wo begegnet Dir heute die Zukunft? In Bürgerinitiativen und künstlerischen Projekten, die die Arbeit von Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenbringen. Wann immer menschliche Energien zusammenkommen, um ihre Träume zu verwirklichen.