Jean-Claude Lin: Maximaler Kontrast

Jean-Claude Lin: Maximaler Kontrast

Wir sind Sitznachbarn beim halbjährlichen Treffen des Beirats des Verlags Freies Geistesleben. Jean-Claude Lin, der Verlagsleiter, hat französische und chinesische Wurzeln und zu dieser geografischen Weite gehört eine seelische Spanne: Er stellt das jüngste Buch von Claudia Grah-Wittich vor.


«Sie hat Eltern gebeten, jeweils ihre Kinder zu malen. Da zeigt sich viel, wie wir zu und bei unseren Kindern sind.» Auf einem Bild sei ein Kind ohne Arme. Da hält Lin inne und all seine Empathie ist in dem Besprechungsraum versammelt. Wenig später kann der Verlagsleiter mit einem Mal zum Streiter werden, wenn es um eine Position, einen Gedanken oder um Rudolf Steiner geht. Vermutlich kann man ohne solchen Biss keinen Verlag führen. Der Gegensatz spiegelt sich auch textil: Jean-Claude trägt wie meist ein Jackett aus schwarzem Samt. Da ist keine Kante, kein Schatten, keine Naht zu sehen und zugleich erscheint mit dem weißen Hemd ein maximaler Kontrast. Zum Schluss der Sitzung gibt er noch einen Gegensatz in die Runde. Er verrät, er habe in verschiedenen Editorials von einer Aufgabenstellung berichtet, die Rudolf Steiner vor 102 Jahren formulierte, die aber bisher niemand zur Kenntnis genommen hat. «Anthroposophen sind oft so wenig neugierig!», sagt er. Weil auch wir vom Beirat nicht auf die Spur kommen, um welche Aufgabe es geht, grinst und schmunzelt der erfahrene und viel belesene Verleger wie ein Kind.

Foto: © Wolfgang Schmidt