Die Sinne

Manche suchen den Geist jenseits der Sinne. Diese verbinden uns jedoch im wachen Leben mit der Welt. Schon beim Aufwachen fühle ich mich wohl oder unwohl in meinem Leib, strecke mich und erlebe meine Glieder. Erfrischt und munter steige ich aus dem Bett. Erfasst mich beim Aufrichten ein leichter Schwindel, bemerke ich, dass es Gleichgewicht gibt. Die Wahrnehmung meines Leibes verrät mir etwas über mein Verhältnis zur Welt.

Ich öffne das Fenster und genieße die frische, kühle Luft. Wie farbig und vielfältig erscheint mir aus der Nacht kommend die Welt. Das Frühstück mundet mir. Dreifach bin ich jetzt mit der Welt in Berührung gekommen, ist sie in mich eingetreten durch Geruch, Geschmack und Farbe. Elementar berührt mich die Welt, wenn es um Wärme und Kälte geht: Entweder bin ich an sie hingegeben, ganz in der Wärme aufgehend oder mich in mich zusammenziehend, wenn die Kälte zuschlägt. Die Welt wirkt hier unmittelbar auf meinen Leib ein. – Noch mehr nehme ich von der Welt auf, wenn ich zuhöre. Im Klang wird etwas in mir offenbar, das mir sein Äußeres oder Inneres mitteilt. Höre ich Laute, etwa Sprache, so tritt eine unmittelbare Empfindung in meiner Seele auf. Ein lebloses oder lebendes Wesen spricht sich in mir aus. – Beim Begreifen des anderen Menschen tritt mir seine Seele als ein Wesen der Außenwelt in meiner Innenwelt nahe. Wehre ich diesen Eindruck durch mein Eigensein ab, so komme ich wieder zu mir selbst.

So spricht der Geist durch die Sinne zu mir, wenn ich mich von ihnen belehren lasse, und bleibt mir nicht nur eine Erinnerung aus der Nacht. Anders gesagt: Den Geist der Sinne macht mir mein Ich offenbar. Doch dazu muss ich die Sinne lieben und ihre Botschaften ernst nehmen wollen, sind sie doch selbst Botschafter des Geistes.


Vom 16. bis 18. März 2018 widmet sich die Sektion für Schöne Wissenschaften dem Fragment gebliebenen Werk Rudolf Steiners, ‹Anthroposophie› (GA 45). Es geht um die in diesem Werk in Umrissen dargestellte Sinneslehre und ihre Zukunftsaufgaben.