{"id":73656,"date":"2026-07-31T13:20:00","date_gmt":"2026-07-31T11:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dasgoetheanum.com\/?p=73656"},"modified":"2026-07-31T14:16:45","modified_gmt":"2026-07-31T12:16:45","slug":"between-ukraine-and-russia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasgoetheanum.com\/en\/between-ukraine-and-russia\/","title":{"rendered":"Between Ukraine and Russia"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Konflikt ergreift sein Umfeld, l\u00e4sst Zuschauende Positionen einnehmen\u00a0\u2013\u00a0alle gehen \u2039in Stellung\u203a. Der Weg zum Frieden: Einander wahrnehmen ist der erste Schritt, gelten lassen ein zweiter, verstehen ein dritter. Ausz\u00fcge von Reaktionen von Leserinnen und Lesern:<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n<p>\u00abEndlich!\u00bb,\u00a0dachte ich beim Interview mit Serhii Kopyl. Eine Entt\u00e4uschung erlebte ich dann in der Ausgabe \u00fcber Multiperspektivismus. Es ist richtig, dass \u2039frei sein\u203a bzw. sich dahin zu entwickeln nur der einzelne Mensch kann. Aber er braucht dazu die Bedingungen, die das zulassen. Die sind nicht gegeben, wenn eine benachbarte Gro\u00dfmacht milit\u00e4risch die Macht \u00fcbernehmen m\u00f6chte. Dann kann der Widerstand nur kollektiv und milit\u00e4risch sein und sich auf die Landesgrenze beziehen\u00a0\u2013\u00a0mit dem Ziel, dass innerhalb dieser Landesgrenze Sprachen, Kultur, politische Verfassung, Zugeh\u00f6rigkeit zu B\u00fcndnissen usw. von den Menschen bestimmt werden, die dort leben und leben wollen. Und in Prozessen, die diese selbst als legitim und rechtm\u00e4\u00dfig empfinden. Ja, wir wollen das Nationale \u00fcberwinden, keine Heldenmythen schreiben, Individualit\u00e4t ausbilden. Das ist die Aufgabe in Mitteleuropa. Den Ukrainern stellen sich zurzeit andere Fragen, und andere Antworten sind zu geben. Man habe Russland \u2039per Handschlag\u203a zugesagt, die\u00a0NATO\u00a0nicht nach Osten zu erweitern. Bei jedem Vertrag wird genau das vereinbart, was darin steht, nicht mehr und nicht weniger. Und die\u00a0NATO\u00a0schiebt ihre Grenzen nicht nach Osten, sie nimmt nur L\u00e4nder auf, die das ausdr\u00fccklich wollen\u00a0\u2013\u00a0und selbst das nicht immer, siehe Ukraine 2008. \u00abDie (russische) Bef\u00fcrchtung, dass die Ukraine rasch in den westlichen Einflussbereich abrutschen w\u00fcrde [\u2026]\u00bb, schreibt Louis Def\u00e8che. Wenn die Menschen in der Ukraine das westliche Gesellschaftsmodell attraktiver finden als das in Russland herrschende, sollen wir das als \u2039Abrutschen\u203a wahrnehmen, nur weil Russland das so interpretiert?\u00a0<strong>Ralph-Guido G\u00fcnther<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>Ich schreibe\u00a0aus Australien, war aber lange in den\u00a0USA\u00a0als Vertreter der Anthroposophischen Gesellschaft t\u00e4tig. Die eindringlichsten Aussagen, die Steiner immer wieder wiederholt, beziehen sich auf die Wahrheit und darauf, dass Unwahrheit einem seelischen Mord gleichkommt. Er f\u00fcgt dann hinzu, dass es keine Rolle spielt, ob der Sprecher glaubt, die Wahrheit zu sagen. Daher war ich verbl\u00fcfft, als ich das Editorial las: \u00abVermutlich \u00fcber zwei Millionen Soldaten und Soldatinnen sind im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine beteiligt und \u00fcber eine Million K\u00e4mpfende sowie Zivilistinnen und Zivilisten sind in den \u00fcber vier Kriegsjahren verwundet, vermisst, get\u00f6tet worden.\u00bb Es gibt keinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Belege daf\u00fcr liegen bereits seit Jahren vor. Mittlerweile gibt es Dutzende detaillierter Berichte, darunter auch von Angela Merkel (<a href=\"http:\/\/www.yahoo.com\/news\/putin-disappointed-merkels-words-minsk-140859136.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">yahoo.com<\/a>). M\u00f6glicherweise ist Ihnen das nicht bewusst. Wenn dem so ist, sind \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen zur Ukraine umso missbr\u00e4uchlicher.\u00a0<strong>Bill Camp<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>Danke f\u00fcr diesen authentischen\u00a0und nachvollziehbaren Bericht aus Sicht eines tats\u00e4chlich vor Ort Betroffenen. Dennoch bleibt, dass dieser und andere Kriege inzwischen ein zynisches Gesch\u00e4ftsmodell sind, an dem Dank Spekulationsgesch\u00e4ften mit R\u00fcstung und anderen G\u00fctern, die den Krieg unterst\u00fctzen, unbeschreibliche Gewinne erzielt werden. Das sehe ich als den eigentlichen Grund an, warum dieser Krieg nicht endet.\u00a0<strong>Wiebke D.<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>Ich verstehe\u00a0den menschlichen Wert der im Interview mit Serhii Kopyl geschilderten Zeugnisse vollkommen und m\u00f6chte weder das Leid des Krieges noch die pers\u00f6nliche Erfahrung des Interviewpartners relativieren. Gerade aus diesem Grund m\u00f6chte ich jedoch ein gewisses Unbehagen hinsichtlich der redaktionellen Entscheidung und des Gesamttons des Textes zum Ausdruck bringen. Obwohl der Artikel sich als pers\u00f6nliche Zeugenaussage pr\u00e4sentiert, hat er einen politisch und moralisch gepr\u00e4gten Charakter, mit einer polarisierenden Darstellung des Konflikts. Bestimmte Formulierungen und historische Analogien bergen das Risiko, ein kulturelles und geistiges Organ wie das \u2039Goetheanum\u203a in einen Raum zu verwandeln, der als Teil einer gegenw\u00e4rtigen geopolitischen Erz\u00e4hlung wahrgenommen wird. Meine Sorge betrifft nicht die Tatsache, dass einer ukrainischen Erfahrung eine Stimme gegeben wird\u00a0\u2013\u00a0was vollkommen legitim und wichtig ist \u2013, sondern vielmehr das Risiko, dass Sprache und Kategorien der Anthroposophie mit einseitigen politischen Deutungen der Gegenwart verbunden werden. Was ich pers\u00f6nlich in der Anthroposophie suche, ist ein Impuls zu einem tieferen Verst\u00e4ndnis des Menschen, zur F\u00e4higkeit innerer Offenheit, Urteilsf\u00e4higkeit und Differenzierung, besonders in Zeiten von Konflikt und starker gesellschaftlicher Polarisierung. Ich bef\u00fcrchte eine zunehmende Politisierung des anthroposophischen Umfelds, mit dem Risiko, Lesende und Forschende zu verlieren, die einen geistigen Raum ohne zeitgeschichtliche Parteinahme bewahren m\u00f6chten. Ich teile diese \u00dcberlegungen mit Respekt und ehrlichem Interesse an der Zukunft der anthroposophischen Bewegung und des kulturellen Dialogs, den das Goetheanum verk\u00f6rpert.\u00a0<strong>Cristiano Frassetto<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>Rudolf Steiner\u00a0war ein scharfer Kritiker des 14-Punkte-Plans von Woodrow Wilson, der eine der tragenden S\u00e4ulen des verheerenden Nationalismus war. Die Ideen Wilsons sind der Nasenring der\u00a0USA, mit dem Europa durch die Manege der Zeitgeschichte seit \u00fcber hundert Jahren durch die Katastrophen gezogen wird. Ich kann Ihnen und allen anderen Zeitgenossen die Vortr\u00e4ge empfehlen, welche mit der\u00a0GA\u00a0173 a, b, c bezeichnet sind. In diesen Vortr\u00e4gen untersuchte Steiner die Hintergr\u00fcnde, welche zum Ersten Weltkrieg gef\u00fchrt haben. Er nannte seine Methode \u2039Geschichtliche Symptomatologie\u203a. Gerade die heutigen Presseerzeugnisse sind Nebelkerzen gegen die Objektivit\u00e4t und gegen eine geistige Tiefe. Wer also ein Interview mit dem \u00abrussischen Angriffskrieg\u00bb einf\u00fchrt, arbeitet nicht anders als die gew\u00f6hnliche Presse. Dieses Narrativ gleicht dem Geist, der Deutschland allein f\u00fcr den Ersten Weltkrieg verantwortlich gemacht hat und zum Versailler Vertrag f\u00fchrte. Wie es weiterging aufgrund des einseitigen Schuldspruchs, wissen wir aus der Geschichte. Insbesondere als Redakteur des \u2039Goetheanums\u203a mit deutscher Herkunft w\u00e4re \u00e4u\u00dferste Vorsicht geboten. Auch hier noch eine Literaturempfehlung des englischen Historikers Christopher Clark, \u2039Die Schlafwandler Europas\u203a von 2014. Diese Auseinandersetzung mit den Gr\u00fcnden des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges unterst\u00fctzt Rudolf Steiners geschichtliche Betrachtungen. Wir k\u00f6nnen uns kein Schlafwandlertum in Europa erlauben. Der B\u00fcrgerkrieg in der Ukraine begann sp\u00e4testens im Jahre 2014. Wir haben seit zw\u00f6lf Jahren den offenen Krieg. M\u00f6gen wir einen Weg finden, dass wir in unseren K\u00f6pfen beginnen, den Krieg zu beenden. Die Geisteswissenschaft und die Wachheit Rudolf Steiners k\u00f6nnen hierzu eine Hilfe sein. Europa kann nicht ohne Russland und die Ukraine leben. Die in einem sp\u00e4teren Heft vom 21. Mai von Louis Def\u00e8che gef\u00fchrten Ausf\u00fchrungen \u2039Multiperspektivismus\u00a0\u2013\u00a0eine Forderung des Friedensgedankens\u203a unterst\u00fctzen und erg\u00e4nzen dieses hier vorgebrachte Anliegen.\u00a0<strong>Tobias Langscheid<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>Ich halte\u00a0den Titel \u2039Multiperspektivismus\u00a0\u2013\u00a0eine Forderung des Friedensgedankens\u203a f\u00fcr irref\u00fchrend. Er verweist auf Multiperspektivit\u00e4t, beschreibt dann jedoch nur zwei Perspektiven, von denen eine zudem nur sehr kurz dargestellt wird. Die ukrainische Perspektive wird vollst\u00e4ndig ausgeblendet. Die Ukraine ist ein unabh\u00e4ngiger Staat, der bereits existierte, bevor Russland \u00fcberhaupt entstand. Seit der Existenz Russlands wurde die Ukraine von diesem bedr\u00e4ngt. Nach zahlreichen Versuchen des Zarenreichs im 19. Jahrhundert, ukrainisches Territorium abzutrennen (\u2039Neurussland\u203a), wurde die Ukraine in den 1920er-Jahren von der Roten Armee besetzt und zwangsweise in die Sowjetunion integriert. Seit 1990 bem\u00fcht sich die Ukraine erneut um ihre tats\u00e4chliche Unabh\u00e4ngigkeit. Dieses Bestreben wurde von Russland auf vielf\u00e4ltige Weise massiv untergraben, insbesondere durch die Sabotage der ukrainischen Wirtschaft von Beginn an sowie durch das Installieren von F\u00fchrungspersonen, die russische Interessen vertreten, und durch die Unterdr\u00fcckung von Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen mit\u00a0KGB-Methoden\u00a0\u2013\u00a0und das in einem unabh\u00e4ngigen Land! Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Ukraine jede m\u00f6gliche Unterst\u00fctzung von au\u00dfen sucht, um sich von ihrem \u00fcberm\u00e4chtigen \u2039gro\u00dfen Bruder\u203a zu emanzipieren. Neben dieser ukrainischen Perspektive gibt es auch die vierte Perspektive des V\u00f6lkerrechts und der\u00a0UN-Charta. Die Ukraine ist ein unabh\u00e4ngiges Land und hat das Recht, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Das Handeln Russlands steht in klarem Widerspruch zum V\u00f6lkerrecht. Aus v\u00f6lkerrechtlicher Sicht gibt es daf\u00fcr keine Rechtfertigung. Der gr\u00f6\u00dfte Teil des Artikels scheint davon auszugehen, dass Jalta die ma\u00dfgebliche Grundlage f\u00fcr die Ordnung der multipolaren Welt darstellt. Dieses System ber\u00fccksichtigt jedoch im Wesentlichen nur die russische und die\u00a0US-amerikanische Perspektive (wobei ein\u00a0US-Verb\u00fcndeter am Tisch sitzt, ohne wirklichen Einfluss). Seit seinem Bestehen hat es gezeigt, dass es vor allem den Interessen der\u00a0USA\u00a0und Russlands dient und zahlreiche Gr\u00e4ueltaten auf beiden Seiten erm\u00f6glicht oder gedeckt hat, w\u00e4hrend das V\u00f6lkerrecht weitgehend ignoriert wurde.\u00a0<strong>Christian Weinberger<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>Der \u2039Multiperspektivismus\u203a wird, sollte er zu einer moralischen Gleichsetzung verleiten, leider keine Grundlage f\u00fcr die F\u00f6rderung des Friedens sein. Er w\u00fcrde das Leid, das die Ukrainer derzeit erfahren, nur noch verschlimmern und die Ungerechtigkeit ihres Leidens herunterspielen. Als Teil einer multiperspektivischen Denkweise muss es Rechenschaftspflicht geben sowie eine klare Anerkennung\u00a0\u2013\u00a0und keine Leugnung\u00a0\u2013\u00a0sowohl der Opferrolle als auch der Ausl\u00f6sung und Aus\u00fcbung von Gewalt. Lassen Sie mich eine Analogie anf\u00fchren: Ein Mann, der eine Frau vergewaltigt hat, mag im Sinne von \u2039multiperspektivischen Betrachtungen\u203a verst\u00e4ndlich und erkl\u00e4rbar sein. Er mag selbst als Kind missbraucht worden sein, von seiner Mutter misshandelt und so weiter. Seine Perspektive ist g\u00fcltig. Die Frau, die er angreift, mag sich so gekleidet und verhalten haben, dass sie zweideutige Signale ausgesendet hat. Aber zu behaupten, sie habe die Vergewaltigung selbst verschuldet, entspricht mehr oder weniger der Sichtweise, die in einigen anthroposophischen und nicht-anthroposophischen B\u00fcchern und Artikeln \u00fcber die Ukraine zum Ausdruck gebracht wurde. Dies streut nur Salz in die Wunden der wahren Opfer\u00a0\u2013\u00a0des ukrainischen Volkes. Die Gewalttaten sind in diesem Fall eine kalkulierte Entscheidung, die weiterhin t\u00e4glich getroffen wird. Die\u00a0NATO\u00a0hat Putin nicht gezwungen, die Ukraine gewaltsam anzugreifen. Er handelte nicht aus Verzweiflung oder \u2039Selbstverteidigung\u203a. Bestenfalls k\u00f6nnen wir Russland mit dem Deutschland der 1920er- und 1930er-Jahre vergleichen. Gedem\u00fctigt und misshandelt von den Siegern des Ersten Weltkrieges, konnte Adolf Hitler das moralische Vakuum ausnutzen und f\u00fcllen. Wir k\u00f6nnen das damalige Deutschland und das heutige Russland durch \u00abmultiperspektivische Betrachtung\u00bb besser verstehen. Dabei d\u00fcrfen wir jedoch niemals kriminelle Handlungen und Gewalt rechtfertigen oder entschuldigen. Vor allem m\u00fcssen wir den Stimmen der echten Opfer, der Ukrainerinnen und Ukrainer, mit Liebe und Mitgef\u00fchl zuh\u00f6ren und sie verstehen, als etwas, das sich von Russland und vom \u2039Westen\u203a unterscheidet. Wir m\u00fcssen die Opfer hier verstehen, mindestens genauso sehr, wenn nicht sogar mehr, als wir Russland und die Russen verstehen und mit ihnen mitf\u00fchlen m\u00fcssen.\u00a0<strong>Alex Fornal<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>In den letzten Jahren\u00a0war Krieg f\u00fcr mich, die in Saporischschja\/Ukraine lebt, keine Theorie der internationalen Beziehungen, kein geopolitisches Konzept und keine Diskussion \u00fcber die\u00a0NATO-Erweiterung, sondern t\u00e4gliche Realit\u00e4t. Es sind N\u00e4chte, in denen ich den Ger\u00e4uschen von Drohnen und Raketen lausche, es sind die st\u00e4ndigen Luftangriffswarnungen und die Angst um mein Kind und meine Angeh\u00f6rigen. Es sind zerst\u00f6rte H\u00e4user, get\u00f6tete Menschen, verwundete Kinder und ein Leben in st\u00e4ndiger Anspannung. Eines der Hauptprobleme der modernen Welt besteht darin, dass sie immer weniger zu tiefem menschlichem Mitgef\u00fchl f\u00e4hig ist. Wir haben gelernt, Informationen schnell auszutauschen, sind aber nicht immer in der Lage, den Schmerz eines anderen Menschen wirklich zu sp\u00fcren. Solange die Welt angesichts des Leidens anderer schweigt, solange Gleichg\u00fcltigkeit zur Norm wird und die menschliche Solidarit\u00e4t schw\u00e4cher wird, werden milit\u00e4rische Konflikte nicht abnehmen, sondern sich nur noch versch\u00e4rfen. Frieden beginnt mit der Achtung des Rechts eines Volkes auf Sicherheit, Freiheit und Selbstbestimmung. Deshalb f\u00fchrt der Weg zum Frieden f\u00fcr mich nicht nur \u00fcber politische Entscheidungen, sondern auch \u00fcber das Erwachen des menschlichen Gewissens, die F\u00e4higkeit zum Mitgef\u00fchl und die Verantwortung f\u00fcreinander.\u00a0<strong>Alona Permiakova, Ukraine<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>Die Bedrohung\u00a0der Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine durch die politische Machtstruktur Russlands besteht bereits seit dem Zusammenbruch der UdSSR. In allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens im ukrainischen Staat wird Propaganda im Interesse Russlands betrieben. Boris Jelzins Bemerkung, die er Anfang der 1990er-Jahre an Leonid Krawtschuk, den ersten Pr\u00e4sidenten der Ukraine, richtete\u00a0\u2013\u00a0\u00abGlauben Sie wirklich, dass die Ukraine ihre Unabh\u00e4ngigkeit bewahren wird?\u00bb \u2013,\u00a0war prophetisch im Kontext der Ablehnung der ethnischen Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine von Russland. In diesem Sinne ist es m\u00f6glich, dass John Herz\u2019 Konzept des \u2039Sicherheitsdilemmas\u203a als spezifisches Modell f\u00fcr die politische Reaktion eines staatlichen Machtsystems auf eine wahrgenommene Bedrohung seiner Einflusssph\u00e4ren relevant ist. In diesem Sinne wuchs die Gefahr, dass Russland im Falle einer Nichtbeachtung seiner Interessen Gewalt anwenden w\u00fcrde, und eskalierte 2014 zu einer milit\u00e4rischen Aggression und dem Beginn der Besetzung ukrainischer Gebiete. Diese politische Ma\u00dfnahme l\u00f6ste einen Konflikt nicht nur auf der Ebene der politischen Autorit\u00e4t, sondern auch auf der Ebene der Kommunikation zwischen den Bev\u00f6lkerungen beider Staaten aus. Ideologische Propaganda begann, die freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Bindungen zwischen den Menschen beider Nationen zu zerst\u00f6ren, die genetisch eng miteinander verwandt sind. Negative historische Erfahrungen in den ethnischen Beziehungen wurden im historischen Diskurs immer h\u00e4ufiger thematisiert, was bei den Ukrainern zu einem gesteigerten Interesse an den \u2039dunklen Flecken der Geschichte\u203a in den politischen Beziehungen zwischen den beiden Nationen f\u00fchrte\u00a0\u2013\u00a0und, wie sich herausstellte, zu v\u00f6llig unterschiedlichen Realit\u00e4ten bei der Interpretation historischer Fakten. Die Kluft zwischen den beiden V\u00f6lkern, die flie\u00dfend dieselbe Sprache sprechen, vergr\u00f6\u00dfert sich weiter. Um die Dynamik der Beziehung zwischen den beiden V\u00f6lkern zu erfassen, bedarf es einer tiefgreifenden Analyse kultureller und historischer Ereignisse. Die Beteiligten tragen diese Dynamik der psychologischen Realit\u00e4t in den tiefen Schichten des Unbewussten auf der existenziellen Ebene der Bewusstseinsbildung in sich, und das, was in der Gegenwart geschieht\u00a0\u2013\u00a0die wahre Realit\u00e4t \u2013,\u00a0ist ein Produkt dieser Dynamik.<\/p>\n\n<p>Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie es m\u00f6glich war, dass im Namen der geopolitischen Ambitionen der Machthabenden eine derart weitreichende Willk\u00fcr im Vorgehen Russlands gegen\u00fcber der Ukraine zugelassen wurde\u00a0\u2013\u00a0eine Willk\u00fcr, die die Grenzen des h\u00f6chsten geistigen Wertes, n\u00e4mlich des Wertes des menschlichen Lebens, \u00fcberschritten hat \u2013, was zunehmend das Misstrauen gegen\u00fcber der Wirksamkeit internationaler Institutionen als Garanten f\u00fcr die Einhaltung der Regeln der etablierten Weltordnung sch\u00fcrt. In diesem Sinne hat der Krieg in der Ukraine die Themen \u2039ethnische Unabh\u00e4ngigkeit\u203a und \u2039Wertorientierungen auf der geopolitischen B\u00fchne\u203a erneut in den Vordergrund ger\u00fcckt. Bei der Analyse aktueller Ereignisse weisen viele Experten darauf hin, dass Vorurteile und Vorannahmen\u00a0\u2013\u00a0philosophischer, religi\u00f6ser und weltanschaulicher Art\u00a0\u2013\u00a0sowie die Neigung zu falschen Analogien eine wichtige Rolle spielen. Dabei handelt es sich eher um den Versuch, die Interpretation historischer Fakten zu objektivieren, was bei der Suche nach der Wahrheit naturgem\u00e4\u00df viele \u2039Fallstricke\u203a mit sich bringt. Die Voraussetzungen f\u00fcr die M\u00f6glichkeit eines Krieges werden auf ideologischer Ebene geschaffen; \u00dcberlegungen zur Notwendigkeit, sich zu bewaffnen, die Armee zu st\u00e4rken und die R\u00fcstungsproduktion auszuweiten, f\u00fchren in der Zukunft zur Verwirklichung dieser Pl\u00e4ne, wobei jede sorgf\u00e4ltig inszenierte Provokation als Vorwand dienen kann. Die Richtung, in die sich das Denken unter Kriegsbedingungen entwickelt\u00a0\u2013\u00a0was dem Verst\u00e4ndnis der M\u00f6glichkeiten zur L\u00f6sung milit\u00e4rischer Konflikte zugrunde liegt\u00a0\u2013,\u00a0wird bestimmen, wie sich die Welt in der unmittelbaren Zukunft der n\u00e4chsten zwei Generationen entwickeln wird, beginnend mit denjenigen, die w\u00e4hrend der Kriegsjahre geboren wurden. Um das Wesen des Krieges zu verstehen, bedarf es einer Insiderperspektive, die frei von Vorurteilen und psychologischen Verzerrungen ist.\u00a0<strong>Yevgen Volchenko, Ukraine<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Antworten der Redaktion<\/h3>\n\n<p>Niemand in dieser Redaktion\u00a0und wahrscheinlich keiner der Lesenden f\u00fchlt nicht mit dem Schicksal der kriegsgeplagten Zivilbev\u00f6lkerungen dieser Welt mit. Es ist die F\u00e4higkeit unserer Herzen. Mich f\u00fcr eine Seite entscheiden zu m\u00fcssen, scheint mir nicht dem Wesen des Herzens zu entsprechen. Und doch braucht es Urteile, Werte, Entschl\u00fcsse, die uns friedvoll zusammenleben lassen. Uns ihrer Zusammenh\u00e4nge und Entwicklungen bewusst zu sein, ist genauso wichtig wie das Mitgef\u00fchl. Zu zeigen, wie Betroffene leben, und zu erkennen, wie Denkbilder, Geschichte, Wirtschaftsweisen sie zu Betroffenen machen, finden im Herzen zusammen. Das Herz ist irdisch konkret und geistig zugleich. Herzensentschl\u00fcsse kommen aus dem Willen, der jenseits der Argumente, der Verletzungen, der Traumata, der Polarit\u00e4t, der Gegnerschaft liegt. Sie k\u00f6nnen wahrscheinlich nur im kleinsten Tun beginnen, wo sie aber vielleicht die gr\u00f6\u00dfte Wirksamkeit entfalten.\u00a0<strong>Gilda Bartel<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>Einen multiperspektivischen Ansatz\u00a0zu verfolgen, bedeutet nicht, jedes Mal \u2039alle\u203a Perspektiven darzulegen. Man kann nur aus einer bestimmten Perspektive sprechen. Mein Text zum Thema Multiperspektivismus ist daher nur eine Perspektive. Entscheidend ist, sich der eigenen Perspektive und der Existenz anderer Perspektiven bewusst zu sein. Wer den Eindruck hatte, mein Artikel vertrete einen \u2039russischen\u203a Standpunkt, den m\u00f6chte ich darauf hinweisen, dass er sich fast ausschlie\u00dflich auf Aussagen anerkannter amerikanischer Experten st\u00fctzt. Die wirklich entscheidende Frage lautet: Wollen wir Frieden? F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist die Antwort mehr als klar. Dass dies mit einem manchmal schwierigen Dialog einhergeht, ist ebenfalls klar.\u00a0<strong>Louis Def\u00e8che<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n<p>Weite und Tiefe\u00a0sind es, die ich im Denken erobern will. Weite schenkt Freude, Tiefe Sinn. Nach Weite ruft das Leben. Seine Vielfalt, Unendlichkeit bet\u00f6rt! Offenheit ist die Tugend. Nach Tiefe ruft der Geist. Sein Licht ermutigt. Klarheit ist hier Tugend. Gehe ich ins Weite ohne Tiefe, verliere ich Gestalt, gehe ich in die Tiefe ohne Weite, verliere ich Bewegung und erstarre. Unsere Zeit ruft, Weite und Tiefe zu verbinden, Leben und Geist zu einen. Aus meiner Werkstatt: Russlands v\u00f6lkerrechtswidriges Verlangen nach der Krim verstehe ich: Die Krim wurde der Ukraine \u00fcbertragen, als diese zur Sowjetunion geh\u00f6rte, ist Teil russischer Identit\u00e4t. Russlands Verbrechen, von Politik zu Gewalt zu eskalieren und millionenfaches Leid in die Ukraine und Russland zu bringen, dem zu widersprechen, Verschleppen von Kindern, Bombardieren von St\u00e4dten zu verurteilen, verlangt die Tiefe. Durch sie leuchten die Werte Gewaltlosigkeit und Freiheit\u00a0\u2013\u00a0menschliche Werte\u00a0\u2013,\u00a0Werte, jenseits von Weite und Leben.\u00a0<strong>Wolfgang Held<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Konflikt ergreift sein Umfeld, l\u00e4sst Zuschauende Positionen einnehmen\u00a0\u2013\u00a0alle gehen \u2039in Stellung\u203a. Der Weg zum Frieden: Einander wahrnehmen ist der erste Schritt, gelten lassen ein zweiter, verstehen ein dritter. Ausz\u00fcge von Reaktionen von Leserinnen und Lesern: \u00abEndlich!\u00bb,\u00a0dachte ich beim Interview mit Serhii Kopyl. Eine Entt\u00e4uschung erlebte ich dann in der Ausgabe \u00fcber Multiperspektivismus. Es ist richtig, dass \u2039frei sein\u203a bzw. sich dahin zu entwickeln nur der einzelne Mensch kann. Aber er braucht dazu die Bedingungen, die das zulassen. 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