{"id":73650,"date":"2026-07-31T13:35:00","date_gmt":"2026-07-31T11:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dasgoetheanum.com\/?p=73650"},"modified":"2026-07-31T14:17:12","modified_gmt":"2026-07-31T12:17:12","slug":"the-light-of-the-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasgoetheanum.com\/en\/the-light-of-the-world\/","title":{"rendered":"The Light of the World"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wenn das Licht schwindet, wie bei einer Sonnenfinsternis, werden wir f\u00fcr einen Augenblick in der Dunkelheit sehend. Die \u2039Piet\u00e0\u203a von Tizian zeigt diesen Prozess, der auch immer einen Neuanfang in sich tr\u00e4gt.<\/strong><\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n<p>Der Maler Tizian (1488\/90\u20131576) \u00f6ffnete einen neuen gef\u00fchlsbetonten Innenraum durch die Leuchtkraft und Lebendigkeit seines Kolorits und seine Art, farbige Erscheinungen mit Licht zu durchfluten. Von seinen Zeitgenossen wurde er \u2039die Sonne unter den Sternen\u203a genannt. Fast unmittelbar nach ihm schloss sich dieser Innenraum wieder. Die Farben wurden immer weniger vom inneren Licht zum Erscheinen gef\u00fchrt. Sondern sie wurden, ver\u00e4u\u00dferlicht zwischen Hell und Dunkel, zur Kontrastwirkung angewendet. Seinen eigenen Umlauf um die Sonne begann Tizian in einem Zeitalter, in dem sich das Verh\u00e4ltnis vom Einzelnen zur Gemeinschaft grunds\u00e4tzlich \u00e4nderte. Die Kr\u00e4fte, die eine Gesellschaft zusammenhielten, begannen, weniger wirksam zu sein. Es wirkt, als h\u00e4tte Tizian in seinem ganzen Schaffen ein letztes Mal Licht und Farbe zu ihrer h\u00f6chsten Offenbarung gebracht. Seine Farben triumphierten mehr noch als das Licht, um am Ende seines langen Lebens die Farben selbst auszul\u00f6schen. Anders kann man einem seiner letzten Gem\u00e4lde (1575\u20131576) nicht nahekommen. Die \u2039Piet\u00e0\u203a, vermutlich geschaffen f\u00fcr sein eigenes Grabmal, befindet sich heute in der Galleria dell\u2019Accademia in Venedig. Fast quadratisch (3,53 \u00d7 3,49 m), weckt dieses Bild nie endende Fragen.<\/p>\n\n<p>Was die Szene erz\u00e4hlt, ist ergreifend. Wir erkennen es unmittelbar wieder. In jedem Leben kann sich diese Erz\u00e4hlung ereignen, wenn auch auf verschiedene Arten. Es geht um die Verletzlichkeit eines jeden Menschen und wie sie sich auswirkt. Jede Figur bezeugt sie. Als k\u00e4me der alte Mann (der Eremit Hieronymus) rechts unten gerade erst an, die leblose Hand am Boden fassend. Auf der kleinen Votivtafel ganz rechts sprechen zwei Kniende (Tizian und einer seiner S\u00f6hne) Gebete, die nicht erh\u00f6rt werden. Im Zentrum versucht die Mutter vergebens, ihren Sohn aufzurichten, damit sie sein Antlitz sehen kann. Ab diesem Moment soll sie das Unfassbare als offene Wunde tragen. Der Pelikan in der Nische \u00fcber ihr hat sich die Brust ge\u00f6ffnet, um seine Jungen mit seinem Blut zu ern\u00e4hren. Das Gold gl\u00e4nzt noch nach, aber es schenkt Maria keinen Trost mehr. Sie ist mit Verstummung geschlagen. Den Schrei, der sich nicht aus ihr befreien kann, tr\u00e4gt Maria Magdalena weiter in die Welt, in der dieses Ereignis erst noch eintreten wird. Jeden Moment kann das, was vom Tempel noch aufrecht steht, einst\u00fcrzen. Etwas Unfassbares bahnt sich seinen unwiderruflichen Weg.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-73435\" style=\"width:450px\" srcset=\"https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-300x300.jpg 300w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-200x200.jpg 200w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-770x770.jpg 770w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-150x150.jpg 150w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-70x70.jpg 70w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-293x293.jpg 293w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-390x390.jpg 390w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-585x585.jpg 585w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12-900x900.jpg 900w, https:\/\/dasgoetheanum.com\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/G2026_29-30_Web_12.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Tizian, \u2039Piet\u00e0\u203a, um 1575\u20131576, Gallerie dell\u2019Accademia, Venedig<\/figcaption><\/figure><\/div>\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sterbendes Licht<\/h3>\n\n<p>Dar\u00fcber entfaltet sich das Drama des verl\u00f6schenden Lichtes. Wir tauchen ins Zeitliche, ins Prozesshafte ein, wie beim Anschauen einer Ikone. Die Farben an der Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem offenbaren Schritt f\u00fcr Schritt dieses Geschehen. Erst jetzt werden zwei Figuren bedeutungsvoll. Ganz unten links \u2039umarmt\u203a eine Figur, sich vorbeugend und nach der Mitte schauend, ein Gef\u00e4\u00df. Auf der anderen Seite, auf H\u00f6he der Goldkuppel, erscheint eine gefl\u00fcgelte Figur, die im Heruntersteigen die Fackel l\u00f6scht. Dann erst wird die Finsternis ganz eingetreten sein. Beide Gestalten, Cautes und Cautopates genannt, geh\u00f6ren zum alten r\u00f6mischen Mithraskult. Sie stehen jetzt aber in einem neuen Zusammenhang, der sich noch enth\u00fcllen soll. Noch ein letztes Mal zeigen sich die Farben im verschwindenden Licht. Ihre Leuchtkraft nimmt immer mehr ab. Das bleierne Grau der Gesteine um die Nische wird allm\u00e4hlich in totaler Dunkelheit ausgeblendet werden. Bald werden die Figuren und ihre Gew\u00e4nder zu auseinanderfallenden Resten von fahlen Lichtspiegelungen. Jedes Antlitz wird wie Asche, grau und wei\u00df, und nimmt die Farbe der absoluten Verlassenheit an. So k\u00fcndigt es sich im Antlitz Christi schon an. Alles R\u00f6tlich-Br\u00e4unliche, wie das Nachgl\u00fchen von W\u00e4rme, wird sich zum Graugr\u00fcn entbinden. Letztendlich wird das Gold ganz zu Blei werden.<\/p>\n\n<p>Und doch! Im Inneren der Kuppel, wo der gefl\u00fcgelte Fackeltr\u00e4ger die Fackel umwendet, ist ein hellroter Fleck sichtbar. Die untergehende Sonne? Noch sichtbar? Oder schon sichtbar? Und bedeutet die andere Figur ganz unten an den F\u00fc\u00dfen der Maria Magdalena, die das Gef\u00e4\u00df mit Balsam nimmt, vielleicht schon, dass dieses kostbare \u00d6l nicht l\u00e4nger notwendig sei? Aber das sind Betrachtungen aus einer Zeit, in der wir erleben k\u00f6nnen, wie das Licht der Welt sich aus der unvermittelten Empfindung und dem Gewahrwerden zur\u00fcckgezogen hat. Zweifellos hat Tizian aus seiner immensen sch\u00f6pferischen Potenz und zugleich auch aus der Untergangsstimmung seiner Zeit vorausf\u00fchlen k\u00f6nnen, was nach ihm kommen w\u00fcrde. Die \u2039Piet\u00e0\u203a ist neben allen anderen auch ein Neubeginn. Wobei heutzutage sowohl das Licht als auch die Finsternis an diesem immerw\u00e4hrenden Neubeginn teilnehmen kann. So wie wir.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn das Licht schwindet, wie bei einer Sonnenfinsternis, werden wir f\u00fcr einen Augenblick in der Dunkelheit sehend. Die \u2039Piet\u00e0\u203a von Tizian zeigt diesen Prozess, der auch immer einen Neuanfang in sich tr\u00e4gt. 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