Ausgabe 8 · 23. Februar 2018

Ausgabe 8 · 23. Februar 2018

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Wolfgang Held

Neues Du und altes Sie

Das Buchprojekt ‹Wo das Herz schlägt› führt mich in ein Dutzend Waldorfschulen, von Klasse 1 bis 12, von Eurythmie bis Englisch. So verschieden die Stunden, so vielfältig die Lehrerinnen und ihre Schüler. Eines jedoch – und das habe ich nicht erwartet und nicht gesucht – habe ich in all diesen Klassen gesehen, wie einen neuen Grundakkord des Menschlichen. Alles geschieht auf Augenhöhe. Selbst in einer 1. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Gröbenzell bei München gehört zum Anfangsritual des Lehrers, den Kindern zu verraten, was heute so alles auf dem Programm steht. Dass bei ihm solch eine Vorhersage als Rätsel erscheint, gehört zum Geschäft. 

Das ist das Neue: Eine Welt, die Freiheit höher als alles andere stellt, ist eine Welt, in der Führung nicht mehr Distanz und Dominanz bedeutet, ja regelrecht erzwingt, sondern Nähe. Natürlich gab es Nähe schon immer, aber früher war sie familiär oder kumpelhaft. Heute vermag Nähe die Verbindlichkeit der Distanz in sich aufzunehmen und umgekehrt vermag Verbindlichkeit bei aller Nähe bestehen zu bleiben. Das Du ist deshalb heute ein anderes Personalpronomen als das Du vor einer Generation. Weil Sprache dem Seelenleben folgt, wird das neue distanzvolle Du das alte Sie vermutlich bald ganz ersetzen.

 
Ausgabe 9 · 2. März 2018

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Ausgabe 7 · 16. Februar 2018

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