Ausgabe 7 · 16. Februar 2018

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Wolfgang Held

Der Horchwinkel des Universums

«Sie krallen Ihre Zehen zusammen, so können Sie nicht frei sprechen!» Jörg von Kralik stand am anderen Ende des Raumes, als ihm die Studentin ihre Sprachübung vortrug. Doch was der Sprachlehrer von seiner Position aus korrigierte, war nicht die Stimmführung oder Atmung, sondern die Zehenstellung. Erst so angesprochen, bemerkte die Studentin, dass ihre Zehen in den Schuhen tatsächlich gekrümmt und angespannt waren. Das ist die hohe Schule der Aufmerksamkeit, dass das Schauen, Tasten oder Lauschen nach all der Beschränkung und Konzentration, die man ihm um der Kunst und des Könnens willen auferlegt, von Neuem weit wird. Doch wie befreit man sich aus der Bindung?

Der erblindete französische Schriftsteller Jacques Lusseyran gab in seinem publizierten Vortrag ‹Blindheit, ein neues Sehen der Welt› eine Antwort. Er schilderte, dass nicht die physische Blindheit ihn beschränke, sondern wenn er von der geistigen Blindheit geschlagen sei. Diese geistigen Augen würden sich verschließen, wenn man mit sich und der Welt hadere. Es sei, so Lusseyran, die Liebe, die diese geistigen Augen öffne und es ihm möglich mache, als Blinder ohne Blessuren alleine durch einen  Wald zu gehen. Liebe und höhere Aufmerksamkeit werden hier vermutlich eins. Lusseyran: «Die Aufmerksamkeit ist ein Zustand des Seins. Es ist der Zustand, ohne den wir nie fähig sein werden, vollkommen zu sein. Es ist im eigentlichen Sinn der Horchwinkel des Universums.» Dieser Horchwinkel war Jörg von Kralik vermutlich vertraut, als er nicht die Stimme, sondern die Zehenstellung korrigierte. 

Ausgabe 8 · 23. Februar 2018

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