Ausgabe 15 · 13. April 2018

Ausgabe 15 · 13. April 2018

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Nie gesehene Wirklichkeit

Das Christentum ist keine Religion, sondern von Anfang an eine Erkenntnis: «Ich und der Vater sind eins» (Johannesevangelium 10,30). Für diese Identifikation wurde Christus verurteilt. Zuvor wurde der Gott draußen gesucht und verehrt, jetzt wird er mit Christus eins mit dem Ich. Diese Erkenntnis kommt nicht mehr von außen, sie entsteht aus dem Ich, von innen. Selbst wenn so die alte Weisheit nicht infrage gestellt wird, findet hier eine radikale Wende statt.

«Liebe ist das Ergebnis der im ‹Ich› wiedergeborenen Weisheit», so beschreibt Steiner die Stelle des Ich im zeitlichen Strom einer Welt, die sich vom Weisheitskosmos zum Liebeskosmos entwickelt (GA 13). Das Ich öffnet einen neuen Raum, wo Weisheit zu Liebe geworden ist. Durch das Ich gehen wir von einer Zeit, in welcher Erkenntnis eine zu erlernende Weisheit war, zu einer Zeit, in welcher Erkenntnis die Praxis der Liebe bedeutet.

Die alte Weisheit trug den Menschen von außen und erschaute die Welt von oben herab, vom Gesichtspunkt des Himmels. Im Ich eingetaucht, entsteht die Liebe, die von innen trägt und die Welt von unten herauf anschaut, vom Gesichtspunkt der Erde. «Jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott» (1. Johannes 4,7). Es ist keine Frage der Religion, sondern eine Erkenntnis. Eine Erkenntnis, die aus dem Ich entsteht und zugleich Liebe ist. Anders als die alte Weisheit erweist sich diese Erkenntnis als schöpferisch und schafft eine noch nie gesehene Wirklichkeit. Immer wieder wurde sie im Laufe der Geschichte verurteilt. Dennoch wächst sie zärtlich und stur, und die demütige Erde wird allmählich zum Zentrum eines neuen Kosmos.

Louis Defèche

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